Verkündete ich noch vor nicht allzu langer Zeit, dass das Englisch der meisten Niederländer als durchaus passabel gelten kann, scheint es um das Deutsch der westlichen Nachbarn schlechter bestellt zu sein. Den Eindruck gewinnt man zumindest beim Lesen von Lass mal sitzen von Reinhard Wolff.

Auf knapp hundert Seiten passiert hier sogenanntes steenkolenduits Revue: das gebrochene Deutsch der Niederländer. Gerade weil die beiden Sprachen so ähnlich sind, sind Niederländer schnell geneigt, Wörter und Ausdrucke der eigenen Sprache mal eben buchstäblich in die andere zu übertragen.
Das kleine Büchlein, auf das ich durch einen Blogbeitrag von Deutscherin aufmerksam wurde, führt den Leser in sechs “Hauptstücken” (Kapiteln) durch verschiedene Bereiche des Alltags und vor allem auch des Geschäftslebens. Es zeigt dabei die Fallstricke und falschen Freunde auf, die für Niederländer beim allzu unbefangenen Umgang mit der deutschen Sprache lauern.
Der Titel – Lass mal sitzen – “setzt dabei gleich den Ton”. Deutsche dürften ihn als eine gut gemeinte aber grammatikalisch inkorrekte Aufforderung zum Hinsetzen verstehen. Im Niederländischen benutzt man den Ausdruck laat maar zitten jedoch entweder
- um der Bedienung in einem Restaurant oder einer Kneipe zu sagen, dass sie das Wechselgeld behalten kann oder
- um anzugeben, dass jemand sich keine (weitere) Mühe geben soll.
Ich bin zu an einem Borrel
Ein paar Perlen aus dem Inhalt:
- Bier vom Zapf (Bier vom Fass)
- Die Borrel, da bin ich echt an zu (jetzt kann ich wirklich gut einen Schnaps vertragen)
- Er sitzt gut in der schlappen Wäsche (er ist gut bei Kasse, hat viel Geld)
- Das Schwein waschen wir eben (das schaffen wir im Handumdrehen)
- Da stink ich nicht rein (darauf falle ich nicht herein)
- Jetzt sitze ich mit den gebackenen Birnen (jetzt habe ich den Salat / da habe ich mir was eingebrockt)
Allerdings beanstandet der Verfasser – der als Deutscher bereits seit Jahren in den Niederlanden lebt – auch einige Dinge, die mir nicht fehlerhaft erscheinen. Statt in einem geschäftlichen Telefonat “Ich gebe Ihnen mal meine Sekretärin” zu sagen, sollte man tatsächlich vermutlich besser “Ich verbinde Sie mal mit … oder “Ich stelle Sie mal zu … durch” verwenden. Aber umgangssprachlich “Ich gebe Dir mal meine Freundin” zu benutzen, dagegen ist doch eigentlich nichts einzuwenden, oder?
Ein tonnenschwerer Fehler ;-)
In “Hauptstück 3″ findet man den wunderschönen Satz “Er hat den ganzen Buhl aufgelichtet und 4 Tonnen verdüstert” (Er hat die ganze Gesellschaft hinter’s Licht geführt und 4 Tausend Euro unterschlagen). Hier übersieht Wolff, dass das niederländische Wort ton zwei Bedeutungen hat (sogar drei, wenn man die Grundbedeutung Tonne (Fass) mitrechnet). Man kann es sowohl für Gewichte als auch für Geldbeträge verwenden. Im ersten Fall bezeichnet een ton tausend Kilo, im letzteren jedoch hunderttausend Euro (vor der Währungsreform 100.000 gulden).
Dass die angeführten Beispiele gar nicht so weit hergeholt sind, kann ich übrigens aus meinem Übersetzeralltag bestätigen. Beim Korrekturlesen von vorübersetzten deutschen Texten stolpere ich schon mal über Konstrukte wie:
Sie müssen Ihre Karte in den Automaten platzen (einführen)
Lassen Sie Ihr Mobilchen anstehen (lassen Sie Ihr Handy an)
Ich bitte um Konfirmierung (Bestätigung)
Ein echter Anrater
Als Lehrbuch ist Lass mal sitzen nicht gedacht. Wohl dürfte es bei der niederländischen Zielgruppe zu so manchem Aha-Erlebnis führen. Am meisten Spaß macht die Lektüre, wenn man beide Sprachen leidlich gut beherrscht und auch versteht, welche niederländischen Wörter und Ausdrücke den Fehlern zugrunde liegen.
Alles in allem ist das Buch ein “Anrater” (Empfehlung) für all diejenigen, die auf lockere und unterhaltsame Art einen Einblick in die aus niederländischer Sicht typischen Fallstricke der deutschen Sprache erhalten wollen.
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{ 14 comments… read them below or add one }
Nee, überhaupt nichts. Es klingt allerdings schon so (würde ich sagen), als ob man wirklich den Telefonhörer weitergibt und eben nicht per Tastendruck durchstellt… Aber das zu monieren, halte ich in jedem Fall auch für pingelig…
Harkis letzter blog ..Drei
Danke für Deine (deutsche) Einschätzung. Im Niederländischen kann man “geben” durchaus auch verwenden wenn man das Telefonat zu jemanden anderen durchstellt, es also auf einen anderen Apparat weiterleitet:
Ich geef u even mijn collega
Den Ausdruck “lass mal sitzen” kenne und benutze ich selbst, wenn ich auf das Wechselgeld verzichten und es als Trinkgeld verstanden haben möchte. Mit “bleib mal sitzen” würde ich das niemals verwechseln.
Beobachters letzter blog ..Schau mir in die Augen
Interessant zu hören – könnte das eventuell regional bedingt sein?
Die Verwechslungsgefahr sehe ich eher mit der Aufforderung “Lass uns mal sitzen” (lass uns mal hier Platz nehmen).
Ein ‘Anrater’ ist es auch für Deutsche wie mich, die schon lange in den Niederlanden wohnen und so fast gar nicht mehr deutsch sprechen und somit auch die Geläufigkeit ‘missen’. Da geht schon mal was durcheinander und merkt man an der Reaktion des anderen, dass da irgendwie etwas nicht stimmt. Oder dass man nicht das bekommt was man eigentlich haben wollte. Da krijg je ‘toch wel kiespijn’ van. Ja was bedeutet denn das jetzt schon wieder im Deutschen.
Redewendungen oder aber Metaforen sind halt schwierig zu übersetzen, weil sie meistens auch schon sehr alt sind und ihren Ursprung manchmal schon im Mittelalter hatten.
So auch diese ‘Dreimal ist Schiffsrecht’. Eine Redewendung die könnte man meinen aus der VOC-Geschichte von Holland herführt. Nämlich (war dass jetzt mit oder ohne ‘h’?): drie keer scheepsrecht.
Und wahrscheinlich gibt’s es hier einige Fehler, die hoffentlich noch zu einem ausreichend reichen.
Claudia Sabine
Claudia Sabines letzter blog ..Geslaagd-
Hallo Claudia,
ich spreche selbst gerne in Bildern und auch nach dreizehn Jahren in Deutschland passiert es regelmäßig, dass ich spontan irgendwelche Redewendungen verwende die es im Deutschen einfach nicht gibt. Manchmal freuen sich die Leute, mit denen ich mich unterhalte aber auch über diese “Neuschöpfungen” :-)
Das “sitzen” vs. “sitzen lassen” ist doch sowohl regional als auch idiomatisch, z.B. “Komm, lass uns mal SETZEN!” ist korrektes Hochdeutsch fuer “Lass uns mal sitzen!”, was zur haeufigen Verwechslung von ‘sitzen’/'sich setzen’ in Niederlaendisch fuehrt, beide welcher Ausdruecke sich mit ‘Kom, gaa maar zitten!’ (OHNE reflexiv!) uebersetzen lassen.
Dazu heisst “sitzen lassen” in Standard-Hochdeutsch “noch ein Schulsemester nachholen muessen”, hat also hier mit “Platz nehmen” gar nichts zu tun-:))
Weiterhin sagen die Oesterreich “Ich bin gesessen.” = Ich habe Platz genommen. vs. “Ich HABE gesessen.” = Ich war im Gefaengnis. LOL
Danke für den Hinweis mit dem Buch.
“Lass mal sitzen” als aufforderung das Wechselgeld zu behalten, halte ich im deutschen für regional bedingt. “Ich gebe Dir mal meine Freunding” halte ich für davon abhängig, mit wem man spricht. Unter Freunden ist das durchaus legitim. Im Geschäftsleben (“Ich gebe Ihnen mal meine Sekretärin”) kommt das eher ungeschliffen rüber. Hier gilt es vielleicht auch zu unterscheiden, ob man mit einer Baufirma oder mit einer Marketing-Agentur zu tun hat :-).
Vielen Dank für Deine Einschätzung Urs!
Das ‘Lass mal sitzen’-Buch bietet sicherlich eine vergnügliche Lektüre. In den Reaktionen vermisse ich bisher aber leider die Frage nach dem Realitätsgehalt. Der Autor, Psychologe in Groningen, nennt keine Quellen und äußert sich nicht zu seiner Methode. Als Germanist und Sprachtrainer im Bereich Wirtschaftsdeutsch möchte ich behaupten, dass die im Buch aufgeführten Beispiele von ‘steenkolenduits van Hollanders’ eher Konstrukte des Autors darstellen, also mögliche Fehler, die sich aus der täuschenden Verwandtschaft der beiden Sprachen ergeben. Ich habe über viele Jahre die Fehler meiner Kursteilnehmer gesammelt und entdecke in ‘Lass mal sitzen’ nur wenige tatsächlich vorkommende NL-D-Interferenzen. Leuk, maar een gemiste kans! > Lustig, aber eine verpasste Chance!
Hallo Antoon,
ich freue mich, dass Du diesen Punkt ansprichst. Über die Herangehensweise des Autors hätte ich auch gern etwas erfahren. Selbst vermute ich, dass die Sätze aus “Lass mal sitzen” eine Mischung aus tatsächlich Gehörtem und vom Autor als Fallstrick Empfundenem darstellen. Wäre super wenn Reinhard Wolff sich dazu äußern würde.
Vielen Dank für Deinen Kommentar!
Groetjes,
Alex
Habe auch einige Fehler im Buch gefunden.
Inas letzter blog ..Geiersthal Feuer- Sieben Verletzte bei Feuer in Hotel
Welche?
sehr gute Beschreibung.! (:
Das hat mir jetzt sehr gehohlfen. Ich werde mir jetzt überlegen das Buch zu kaufen, da mich das Thema was oben sehr gut erläutert wurde, sehr interessiert. Danke dafür (;
Gruß.. =)