Drei Missverständnisse über die Niederlande

Zuletzt aktualisiert am 18. Oktober 2017

Als Niederländerin in Deutschland werde ich regelmäßig mit hartnäckigen Klischees über mein Heimatland und meine Muttersprache konfrontiert. In diesem Post gehe ich einigen davon auf den Grund.

Deutschland und die Niederlande mögen zwar aneinandergrenzen, die meisten Menschen wissen jedoch erschreckend wenig über das jeweilige buurland – Nachbarland.

Fabeln, Märchen und Klischees

Es passiert vermutlich jedem, der seine Zelte einzige Zeit im Ausland aufschlägt: In den fast zwanzig Jahren, in denen ich jetzt schon in Deutschland lebe, habe ich viele Klischees über die Niederlande vorbeikommen sehen.

So soll mein Heimatland unter anderem ein Drogenparadies sein, in dem jeder einen Wohnwagen besitzt, mit dem er in den Ferien die deutschen Autobahnen verstopft. Die Sprache sei eine Halskrankheit und eigentlich eh nur ein Dialekt des Deutschen …

Über den letzten Punkt könnte ich einen eigenständigen Blogartikel schreiben (mich wundert gerade, dass ich das in fast sieben Jahren „buurtaal“ noch nicht gemacht habe).

Mir ist klar, dass solche Aussagen nur selten in böser Absicht gemacht werden. Vor allem die Drogen- und Wohnwagensprüche sind eher lustig gemeint. Nachdem man sie gefühlte 8.596 Mal gehört hat, verlieren sie aber eindeutig an Charme.

Hier folgen noch drei andere Klischees, die mir immer wieder begegnen und die eher auf Unwissenheit zurückzuführen sind.

Klischee 1. Schlechtes, fettiges Essen

Ein beliebter Punkt ist das niederländische Essen. Vla, Käse, Poffertjes und Stroopwafels werden meist hoch gelobt, aber von der niederländischen Küche im Allgemeinen – so es eine solche gibt – hält der „gemeine“ Deutsche nicht viel.

Niederländisches Brot ist für nicht wenige Deutsche ein Gräuel.

Heringsbrötchen

Een broodje haring

Irgendwie scheinen viele zu glauben, dass in den Niederlanden alles frittiert wird, dass man sich fast nur von Snacks ernährt und dass es kaum wirklich gute Restaurants gibt.

Dem ist nicht so. „Der Niederländer“ isst ganz bestimmt nicht ungesünder als „der Deutsche“. In einer Oxfam-Studie aus 2014 stehen die Niederlande weltweit sogar an erster Stelle in Bezug auf variationsreiche, nahrhafte, gesunde und bezahlbare Ernährung.

Sterne-Restaurants

Auch wer es kulinarisch gehoben mag, hat dazu sehr viele Möglichkeiten. Über 100 Restaurants mit mindestens einem Michelin-Stern sind in den Niederlanden zu finden. In Deutschland sind es laut Statista etwa 300.

Umgerechnet auf Einwohnerzahlen (17 Millionen in den Niederlanden, 81 Millionen in Deutschland) haben die Niederlande somit eine höhere „Sternendichte“ als Deutschland.

Klischee 2. Das Land von Mühlen, Holzschuhen und Tulpen

Kuh auf Holzschuhen

Die Niederlande sind einer der am dichtesten bevölkerten Staaten Europas. Trotzdem herrscht in vielen Köpfen das Bild von durch Windmühlen flankiertem Weideland, von Tulpenfeldern und Menschen, die sich gemächlich auf klompen (Holzschuhen) zwischen den Kühen bewegen.

Zugegeben, das war etwas überspitzt. Aber was sich viele nicht bewusst machen – und was die Tourismusbranche auch nicht unbedingt in den Vordergrund stellt – ist, dass die Niederlande ein hochmodernes, stark technologisiertes Land sind, das schon schon seit Jahrhunderten spannende Erfindungen hervorbringt. Und das nicht nur im Bereich Wasserbau und maritimer Technologie sondern zum Beispiel auch bei den sogenannten Life Sciences, in der Mikroelektronik und der Nanotechnologie.

Klischee-Dorf Volendam

Touristen in Volendam

Zeitreise

Auch gesellschaftlich sind die Niederlande mehr als auf der Höhe der Zeit. Meine Besuche in die Niederlande sind gewissermaßen nicht nur eine geografische Reise sondern auch eine kleine Reise in die Zukunft – eine Art Back to the Future.

In meiner alten Heimat gehören Dinge schon längst zum Alltag, die in Deutschland noch nicht möglich sind (oder viel länger brauchten):

In den Niederlanden können gleichgeschlechtliche Paare richtig heiraten. [Update] In Deutschland geht das seit September 2017 nun endlich auch.

Menschen haben die Möglichkeit, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Nach dem Tod herrscht kein Friedhofszwang

Die Trennung zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung wurde aufgehoben. Es gibt ein System für alle.

Bezahlen und Internet

Zudem kann man in den Niederlanden fast überall bargeldlos zahlen und außerdem eigentlich durchgängig mit guten Internetverbindungen und frei zugänglichen, offenen WLANs rechnen. Eine Erleichterung, wenn man das mit der Situation in Deutschland vergleicht, wo der Netzausbau nur schleppend vorankommt und die Politik mit Monstrositäten wie der Störerhaftung freiem WLAN nicht wirklich eine Chance gibt.

Praktische, aber modische Kleidung

Auch die Mode finde ich in den Niederlanden trendiger und peppiger. Deswegen kaufe ich mir Klamotten und Schuhe am liebsten dort.

Es ist mir schon öfter passiert, dass mich Leute hier in Deutschland fragen, wo ich eine bestimmte Hose oder ein neues paar Stiefeletten her habe. Aus den Niederlanden :-)

Gleichzeitig sind die Sachen gut tragbar und komfortabel. Das muss für eine Nation, die so viel Fahrrad fährt, auch so sein.

Klischee 3. Alles ist „locker“ in NL

Deutsche empfinden das Leben und Arbeiten in ihrem eigenen Land oft als besonders stressig und schauen etwas neidisch auf „die lockeren Holländer“. Aus eigener Erfahrung möchte ich behaupten, dass der Druck im Arbeitsleben in den Niederlanden sogar noch um einiges höher ist. Durch volle Terminkalender ist auch der niederländische Alltag für sehr viele Menschen von Hektik geprägt.

Harte Schule

Das fängt bereits in der Schule an. Zumindest die weiterführenden Schulen – allen voran das VWO – verlangen niederländischen Kindern mit ihrem Ganztagsunterricht – und den anschließend noch wartenden Hausaufgaben – viel ab. Auch das Studium an der Uni ist in den Niederlanden straff organisiert und keineswegs ein Zuckerschlecken.

Einstellungssache?

Generalisierung finde ich immer etwas gruselig, aber im Allgemeinen scheinen mir Niederländer – trotz oft großer Belastung – doch etwas unbeschwerter durch das Leben zu gehen als Deutsche. Man konzentriert sich lieber auf Lösungen als auf Probleme und hat weniger die Neigung, alles steuern und kontrollieren oder sich gegen alle möglichen Risiken absichern zu wollen.

Komt goed eben ;-)


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Geschrieben von alex

Ursprünglich komme ich aus den Niederlanden, seit 1997 ist Deutschland meine Wahlheimat. Hier im Blog findest Du fast 400 Artikel über die Unterschiede zwischen der deutschen und der niederländischen Sprache und Kultur.

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  1. Menschen, die sich gemächlich auf klompen (Holzschuhen) zwischen den Kühen bewegen

    In Zeeland sind es Schafe, und man fährt mit den Klompen Fahrrad, auch wenn ich das immer seltener sehe. Der lehmige Boden haftet nicht so daran, darum die Holzschuhe. Wenn man im Garten arbeitet, haftet irgendwann der halbe Garten an allen anderen Schuhen, an unlackierten Klompen nicht. Kleidung kaufe ich seit Jahrzehnten nur noch dort.

    Antworten

    1. Vielleicht sollte ich mir doch mal ein paar klompen anschaffen ;-)

      Antworten

    2. … und man fährt mit den Klompen Fahrrad

      Ich hatte ein Bild vor meinem geistigen Auge. Ein Google-Suche ergab dann aber ganz andere Bilder wie z.B. dieses hier

      :-)

      Antworten

      1. Ha, das ist natürlich das ultimative Gefährt ;-)

        Antworten

  2. Herzlichen Dank für deinen Artikel.
    Beim Essen kann ich dir nur zustimmen – ein schöne Vielfalt an köstlichen und frischen Gerichten kann man in den Niederlanden in Restaurants und Eetcafes bekommen. Meist wirklich ansprechend angerichtet. Ich freue mich jedes Mal, wenn wir wieder nach Den Haag oder Delft fahren, auf das Essen und zwar nicht wegen Frikandel und Stroopwafels :-)
    Auch sehr schön finde ich das Lunchkonzept, also dass mittags kleine Gerichte angeboten werden.
    Ich wünschte, da würden die deutschen Gastronomen sich mal mehr an den Nachbarn orientieren

    Antworten

    1. Es freut mich ganz besonders, das zu lesen, Tina!

      Antworten

  3. Hi Alex, mal wieder ein schöner Blogbeitrag von Dir!
    Besonders in Sachen Kleidung gebe ich Dir recht. Als Frau mit einer Körpergröße von 180 cm kann ich hier in Deutschland kaum Klamotten kaufen, in den Niederlanden finde ich immer was ich brauche. Meine Basics kaufe ich mittlerweile nur noch in der HEMA, das ist alles bequem, schlicht und funktional.
    Das Arbeiten mit Niederländern habe ich aber immer tatsächlich als lockerer und ungezwungener wahrgenommen. Und auch als Deutsche liebe ich das niederländische Brot.

    Antworten

    1. Wilde Möhre 30-06-2016 at 13:40

      Hi Danny,

      Superhinweis, das mit der Kleidung für große Frauen. Ein Grund mehr, mal wieder hinzufahren. Danke!

      Antworten

      1. Tatsächlich? Ich bin Holländerin, 1.80 m und wohne in Deutschland. Meine Klamotten finde ich viel einfacher in Deutschland als in Holland. Es kann sein das die Kleidung in Holland peppiger ist, aber da ich eh keine „Fashionista“ bin, ist mir das egal.

        Antworten

    2. Die HEMA ist meine erste Anlaufstelle für schlichte, gut sitzende T-Shirts. Eigentlich verstehe ich nicht, warum die Auswahl für größer gewachsene Menschen in DE so viel geringer ist als in den Niederlanden. So viel kleiner sind „die Deutschen“ nun auch wieder nicht …

      Antworten

  4. Toller Beitrag. Wenn meine Eltern mir als Kind in den 1970er Jahren zeigen wollten, wie man fein essen geht, sind sie mit mir immer in die Niederlande gefahren – nach Venlo. Ich schmecke noch heute das Filet Stroganoff, das am Tisch flambiert wurde :-))) In den Industriedörfern am linken Niederrhein, wo ich aufwuchs, gab es nichts dergleichen …

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    1. Wow, ich kann mir vorstellen, dass das großen Eindruck auf Dich gemacht hat, Andrea.

      Antworten

  5. Danke für diesen schönen Beitrag. Es ist glaube ich typisch, aber auch spannend, wenn man Menschen aus anderen Ländern/Kulturen begegnet, erst einmal genau zu schauen, was ist gleich, was ist anders. Die gängigen Klischees helfen erst einmal, sind beim zweiten Blick aber hinderlich. Als „Hollandversteher“ (ein Jahr Amsterdam, sprachlich von Niederländern als Ostniederländer eingestuft), beobachte ich mich auch, wo ich auf eigene Klischeevorstellungen stosse. Ja, ich lande auch oft bei Pommes, Lakritz, fiets und Windmühlen, aber auch eine große Offenheit und Toleranz (extrem: Gleichgültigkeit) anderen gegenüber fällt mir auf. Unter Geschäftsbeziehungen spricht man sich schnell mit dem Vornamen an, das finde ich sehr angenehm.
    Andersherum bekomme ich von Niederländern auch viele Klischees über Deutsche genannt, entweder „ha: ertappt!“ oder „hey, warum bist Du nicht so?“

    Ein, eigentlich sympathisches, Klischee ist ja auch Frau Antje. Die ist in den Niederland scheinbar kaum bekannt und auch nicht sonderlich beliebt, da sie dem modernen Bild nicht entsprechen mag.

    Antworten

    1. Du erlebst das gleiche also aus der umgekehrten Perspektive, Oliver :-) Ja, Klischees und Stereotypen bieten erst einmal Halt. Ich freue mich aber immer, wenn Gespräche darüber hinausgehen und man sich besser kennenlernt und eventuell auch voneinander lernen kann.

      Der Grund weshalb Frau Antje in den Niederlanden wenig bekannt ist, ist weil sie speziell für den deutschen Markt erfunden wurde (von einem cleveren niederländischen Marketingmenschen).

      Antworten

  6. Wilde Möhre 30-06-2016 at 13:39

    Hi Alex,

    ein schöner und interessanter Beitrag, danke!

    Ein sehr gute Idee, die Trennung zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung aufzuheben. Ich frage mich schon lange, warum wir das in Deutschland nicht auch machen. Unser System hier schürt Unzufriedenheit bei den Patienten und Pfründe-Denken bei den Ärzten.

    Antworten

    1. Jemand auf Facebook, wo ich den Link zum Artikel gepostet habe, meinte, die PKV-Lobby sei in Deutschland zu stark …

      Antworten

      1. Wilde Möhre 30-06-2016 at 14:14

        Ich kann mir gut vorstellen, dass das der Grund ist. Wenn die PKV-Beiträge in den nächsten Jahren weiter so steigen, ändert sich das vielleicht irgendwann.

        Antworten

        1. Oh je, also das ist ein ganz heißes Eisen…ich denke, die Sache ist schon etwas komplexer. Die GKV-Sätze decken i.d.R. nicht die tatsächlichen Kosten und Aufwand der Ärtze und jeder Privatpatient subventioniert sozusagen die Behandlung mehrer gesetzlich Versicherter. Ich finde das System in DE auch nicht gut, aber ob das System in NL wirklich fairer ist, wage ich zu bezweifeln. Auch hier muss viel über Zusatzversicherungen geregelt werden. Das kann sich auch nicht jeder leisten.

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          1. Wenigstens klafft in NL nicht ein so enormer Spalt zwischen den Zeiten, die gesetzlich Versicherten und Privatversicherten jeweils auf einen Arzttermin warten müssen. Das sorgt in Deutschland wirklich für ein Zweiklassensystem.

            Antworten

            1. Das Thema KV ist nicht so einfach zu vergleichen. Das System in NL beruht u. a. darauf, daß man erst mal nur zum Hausarzt gehen muß und nur wenn er es befürwortet, bekommt man eine Überweisung zum Facharzt. Krankenhäuser haben für viele OPs extrem lange Wartezeiten, so dass manche niederl. KV Verträge mit deutschen Krankenhäusern geschlossen haben.
              In NL muß sich jeder krankenversichern => also keine Quersubvention zwischen Alleinstehenden und Familien wie in Deutschland. Es gibt auch keine Arbeitgeberzuschüsse in NL.
              Die Basisprämie in NL ist recht gering, die gesetzliche Versorgung aber dann auch nur entsprechend. Es kommt auch noch ein Eigenanteil p. a. hinzu, der zuerst „verbraucht“ werden muß. Es kann einem auch passieren, daß man für eine bestimmte OP dann in ein weit entferntes Khs gehen muß, da die eigene Krankenversicherung nur mit diesem für diese OP einen entsprechenden Vertrag hat. Alle KVs verhandeln einzeln mit den verschiedenen Krankenhäusern die Tarife aus.
              Es ist ein sehr komplexes Thema, die niederl. und die deutsche Krankheitsversorgung zu vergleichen. Auf jeden Fall hat das niederl. System im Moment sehr viele Sorgen. Gerade heute steht im NRC auf der 1. Seite: Krankenwagen sind im Notfall oft nicht rechtzeitig (innerhalb 15 Minuten) beim „Opfer“.

              Antworten

              1. Ich gebe Dir völlig recht, dass es ein sehr komplexes Thema ist Ralph und ich fühle mich auch nicht wirklich in der Lage (geschweige denn, dass ich Zeit dafür hätte) einen wirklichen Vergleich durchzuführen.

                Das System in NL ist definitiv nicht perfekt, das deutsche Zweiklassensystem mit seinen Wochen- oder Monate-langen Wartezeiten für gesetztlich Versichterten und den horrend hohen Mindestbeiträgen für „freiwillig“ versichterte (kleine) Selbständige jedoch genauso wenig.

                Antworten

  7. Die Sprache sei eine Halskrankheit und eigentlich eh nur ein Dialekt des Deutschen …

    :D

    man soll mal bei wiki nachlesen was da über klangverschiebung geschrieben wurde. vereinfacht steht da »die erste klangverschiebung machten das englisch, das deutsch und das NL mit. englisch und deutsch hatten danach noch die zweite lautverschiebung.
    WENN man also sich streiten will, ist das niederländisch älter.

    daneben noch was anders: als bismarck eine einheitssprache für deutschland im unterricht vorschrieb, wurde das niederdeutsch durch mehr menschen gesprochen als das hochdeutsch.

    zum schluß: als ich um 1965 in hamm sein mußte, sprach ich dort mit einer alten bauerin. sie sprach dialekt. ich hatte überhaupt keine schwierigkeit sie zu verstehen. es ähnelte die sprache meiner verwandten in gelderland.

    Antworten

    1. WENN man also sich streiten will, ist das niederländisch älter.

      So habe ich tatsächlich auch mal argumentiert. Es wird keine Überraschung sein, dass das beim deutschen Gegenüber gar nicht gut ankam ;-)

      Antworten

  8. Alex, hier sprichst Du natürliche einige und zudem unterschiedliche Punkte an, so daß ich nur einen kurz aufgreifen will: das auch heute immer noch zu hörende dümmliche „Argument“, Niederländisch sei eine „Halskrankheit“ (wobei die meisten dann ohnehin gleich „Holländisch“ sagen, weil sie es nicht besser wissen). Das kommt vom Niveau her etwas über dem abfälligen „Käsköppe“ und ist verwandt mit der Behauptung, Niederländisch sei nur eine Art „Dialekt des Deutschen“, also so eine Art Primitivform des Hochdeutschen. Wenn das so wäre, müßte es für Deutsche ja kinderleicht sein, Niederländisch zu sprechen – ist es aber bekanntermaßen nicht. Nur wenige Deutsche sprechen Niederländisch.

    Das mag auf deutscher Seite – zumal in Grenznähe – auch mit dem Niedergang und dem faktischen Verschwinden des niederdeutschen Dialektes liegen, der ja vor dem Krieg flächendeckend beiderseits der Grenze gesprochen wurde. Dem liegt aber auch ein pures Nichtwissen zugrunde, schlimmer noch ein „Nicht wissen wollen“, gemeinhin Ignoranz genannt, die sich dann als Arroganz kundtut. Ich bekomme auch immer zuviel, wenn ich in meiner Heimat (unmittelbar an der Grenze zu Limburg) Deutsche, die dort „seit Jahrhunderten“ leben, von dem Fluß „Rör“ oder von „Rörmond“ reden höre, obwohl der Flußname bekanntlich in beiden Sprachen „Rur“ ausgesprochen wird. Die Krönung ist dann der Ortsname „Roerdaelen“, der dann zu „Rördälen“ mutiert. Übrigens hat mich auch letzthin noch jemand nach meinem alten Spitznamen (der allerdings aus dem Afrikaansen kommt) gefragt und was „Bötie“ denn heiße.

    Aber letztlich steht dahinter ein absolutes Nichtwissen über die Niederlande als Kulturnation und das Niederländisch als Kultursprache. Insofern wäre es vielleicht auch einmal eine gute Idee (wenn die Zeit für einen ja rein ehrenamtlichen Blog das zuläßt) auch einmal niederländische Schriftsteller vorzustellen. Ich fand z. B. den Eintrag auf diesem Blog über Connie Palmen sehr interessant. Aber es muß ja gar nicht so tiefschürfend sein, eine einfache Leseempfehlung würde ja ausreichen. Bei flämischen „Klassikern“ wie Timmermans, Verschaeve, Gezelle, Claes, van Severen, Conscience, Anton van Wilderode oder Marnix Gijsen bin ich familien- und interessenbedingt einigermaßen sattelfest, aber die Frage „Nennen Sie mir mal 10 zeitgenössische niederländische Schriftsteller“ würde bei mir schnell zu roten Ohren führen: Maarten t‘ Hart und wohl noch Harry Mulisch, nach einigem Nachdenken Jan Willem van de Wetering. Aber dann?

    Aber immerhin, jetzt kann ich schon mal mit Connie Palmen schwer Eindruck machen – und dabei kommt sie aus dem nur wenige Kilometer entfernten Sint Odilienberg, was ich als deutscher Ignorant auch nicht wußte :-)

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    1. Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar, Boetie. Du hast einiges schon deutlich schärfer formuliert als ich. Tatsächlich steht hinter Unwissen manchmal Ignoranz und Überheblichkeit. Oft ist es aber, denke ich, auch wirklich nicht böse gemeint. Deutschland hat neun Nachbarländer, die kann man vermutlich nicht alle wirklich gut kennen. Ich habe aber schon das Gefühl, dass Deutschland als „großes Land“ viel mehr nach innen schaut als kleinere Länder, wie die Niederlande, die so gesehen „weltoffener“ sind.

      Deine Literaturidee finde ich gut! Vielleicht lässt sich da mal etwas zusammenstellen. Wenn ich mich so unverbindlich gebe, ist das tatsächlich aus Zeitgründen, definitiv nicht, weil es mir an Interesse mangelt.

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  9. „Die Trennung zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung wurde aufgehoben. Es gibt ein System für alle.“

    Welches ist besser: das niederländische System oder die gesetzliche Krankenversicherung in Deutschland?

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  10. „Ein sehr gute Idee, die Trennung zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung aufzuheben. Ich frage mich schon lange, warum wir das in Deutschland nicht auch machen.“

    Weil es immer noch Leute gibt, die die FDP wählen.

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  11. Klar, Klischees, die behaupten, (fast) alle Menschen sind so oder so, sind meistens falsch. Aber es gibt manche Sachen in den Niederlanden durchaus häufiger als in anderen Ländern, z.B. Klompen.

    Letztens habe ich das Buch Onbekende Buren erwähnt, die eine gute Gegenüberstellung zwischen den beiden Ländern macht. Ein interessantes Buch auf Englisch ist The Undutchables. Auch wenn nicht alle Klischees sind, gibt es viele Sitten, Traditionen, Bräuche, usw., die deutlich anders sind.

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    1. The Undutchables

      Das ist in der Tat auch ein schönes Buch über die Niederländer und ihre typischen Angewohnheiten. Eine Empfehlung für alle, die Englisch lesen können.

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  12. Dank den Kommentaren wird dies ein immer interessanter Beitrag, so finde ich. Auf einmal dachte ich zurück an die fast konstitutionelle Krise die es bei uns (NL) vor etwa 10 Jahren gab als die damalige Kronprinzessin Maxima behauptete, „den Niederländer gäbe es nicht.“

    Aus den Reaktionen darauf ging klar hervor dass vor Allem Populisten leben von Klischees und (lieber noch) Missverständnissen. Das einzige was ihnen fehlt, ist ja der offene Blick um sich herum, wichtig in der eigenen Umgebung aber absolut notwendig in einem fremden Land. Dort geht ja wohl alles anders aber wenn man genauer zuschaut und mit den Einsässen zu reden anfängt, erst dann sieht man wie gross (bzw. wie klein, besonders in Europa) die wirklichen Unterschiede sind. Ist „bei uns Alles besser?“ Manchmal „ja,“ manchmal „nein.“

    Jos

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    1. Es ist die hohe Kunst, nicht in Gegensätzen zu denken, sondern zu schauen, was verbindet (zugegeben: Das gelingt mir selbst auch nicht immer …)

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  13. Felix Clervaux 30-06-2016 at 22:46

    Wer sich als Reisender in touristischen Zentren bewegt (und das tut man ja doch zumindest teilweise), wenn man die Niederlande besucht, bekommt schon den Eindruck, als wären bestimmte Dinge allgegenwärtig.
    Ich war im April eine Woche im buurland und anfangs doch etwas erschlagen, weil man (hauptsächlich in den Städten) von Tulpen, Klompen, Windmühlen, Frau Antjes, Delfts blauw und Käselaiben in jeglicher Form, Größe und Material regelrecht verfolgt wird.
    Ich wusste, dass Holzklompen nur noch eher selten getragen werden, wollte aber gern ein Paar für meine großen Füße (46) haben und wunderte mich schon, dass es sie in gefühlten 250 von 1000 Läden, an denen ich vorbeikam, zu kaufen gab (25-30 Euro).
    Windmühlen in natura sahen wir eher selten, dafür gab es sie zwischen Hoorn und Rotterdam vom Wandgemälde bis zur Pralinenschachtel reichlich.
    Für die einen ist es Klischee. Ich sehe das eher als eine Art corporate identity.
    Und fand das sehr charmant. Man muss es nur im richtigen Zusammenhang sehen.
    Aber dass es in jeder Fußgängerzone mindestens drei Käseläden gibt, ist nun mal Fakt. :-)
    Alles im allem hat es uns sehr gut gefallen. Nächstes Jahr fahren wir wieder hin.

    P.S. Bargeldlose Zahlung und bargeldlose Zahlung ist aber wohl auch in den Niederlanden zweierlei: der Albert Heijn XL in Utrecht nahm keine VISA, sondern nur EC-Karte.

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    1. Schön, dass es Euch in den Niederlanden gefallen hat, Felix!

      Für die einen ist es Klischee. Ich sehe das eher als eine Art corporate identity.

      Du siehst die Sache aus der Perspektive des Touristen. Analog dazu bestünde die „corporate Identity“ von Deutschland aus Bier, Bratwurst, Dirndl und Lederhosen. Ein Bild, mit dem sich ganz bestimmt viele Deutsche nicht direkt identifizieren.

      Es geht mir eigentlich auch nicht so sehr um die Klischees an sich, sondern um die Tatsache, dass so viele Leute einfach nicht darüber hinaus sehen, oder sehen wollen.

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      1. Felix Clervaux 08-07-2016 at 01:35

        Das scheint richtig, aber irgendwie auch falsch, denn in einem Souvenirladen in Hamburg, Dortmund oder Berlin wird man wohl eher selten ein Dirndl finden. Während Frau Antje (in der Volendamer Tracht) ganz selbstverständlich durch Delft läuft. :-)
        Ich verstehe aber, was du meinst.

        Vielleicht solltest du mal etwas über das Phänomen schreiben, das mir persönlich und so vielen anderen „Völkern“ generell fremd, aber für sehr, sehr viele Deutsche typisch ist: Schubladendenken.

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        1. Ich glaube nicht, dass Schubladendenken typisch Deutsch ist.

          Es gab einmal eine Fernsehsendung: „Was ist deutsch?“ Ein Teilnehmer meinte, „diese Frage!“ Ein anderer wies darauf hin, dass es neulich in Frankreich „Was ist französisch?“ gab.

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  14. Ergänzung: Im Bereich Design sind die Niederlande schon lange auf sehr hohem Niveau unterwegs. Mir scheint auch, dass das Thema in den NL allgemein wichtiger genommen wird als in Deutschland. Grafik- und Kommunikationsdesign, Typographie, Produktdesign, Architektur – in jedem Bereich finde ich dort immer anregende Dinge und sehe mutige und sehr moderne Gestaltung.

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    1. Das „Peppige“ der Klamotten finde ich tatsächlich auch in niederländischen Zeitschriften und anderem grafischen Material wieder. Ich glaube, man ist in NL in vielerlei Hinsicht einfach experimentierfreudiger.

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  15. Sehr schöner Beitrag! Ich hasse es immer, in Sprachkursen das typisch Deutsche nennen zu müssen, weil ich mich nicht damit identifizieren kann. Nur weil ich aus diesem Land komme, bin ich plötzlich ein Stellvertreter des „Typischen“. Letztens war in Den Haag ein Schaufenster eines Buchladens zur „Deutschen Woche“ mit folgenden Symbolen dekoriert: Breze, Lederhose, Bierkrug, Weißwürschte. Also Bayern = Deutschland? Ich fand’s lustig, denn ich bin aus Bayern. Ich denke, Klischees sind unvermeidlich. Man sollte halt nicht vergessen, dass diese meist nur an der Oberfläche kratzen und die meisten Dinge tief- und vielschichtiger sind.

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    1. Momo, hinzu kommt, die von Dir genannten Klischees und Stereotypen sind ja vor allem auch eines: eigentlich total sympathisch und nett. In den Niederlanden eben Lederhosen und Dirndl, Brezeln und Weißwürste und bei uns eben Tulpen und Windmühlen, Käse und Volendamer Trachten. Das ist mir viel lieber als die üblichen „Käsköppe“/“Moffen“-Dummheiten. Was ist übrigens in Königswinter am Rhein der Renner bei niederländischen Touristen – Schwarzwälder (!) Kuckucksuhren!

      Als ich als 11jähriger das erste Mal nach England fuhr, was hat denn da auf mich den stärksten Eindruck gemacht? „Bobbies“ mit ihren Helmen, Rolls-Royce-Autos (halbe Photoalben habe ich damit vollgeknipst) und Männer mit Bowler-Hüten („Melonen“), die man damals noch auf der Straße sah.

      Als vor einiger Zeit ein britischer Freund nach mehreren Jahren in Deutschland wieder nach England zurückkehrte, was hat er sich von uns als Abschiedsgeschenk gewünscht? Er bat um etwas, wie er sagte, „typisch Deutsches“: eine Kölner Karnevalsmütze! Und da es in England nun mal keinen Karneval gibt, trägt er diese „typisch deutsche“ Mütze… beim Weihnachtsdinner – und denkt dabei an Deutschland. Mit solch netten Klischees können alle ganz gut leben :-)

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      1. Stimmt! Wichtig ist halt, dass man auch mal selbst den Blick über den Tellerrand wagt und auch über sich selbst lachen kann. Und natürlich, nicht zu vergessen, dass wir Menschen, ob wir nun aus DE oder NL stammen, oder aus ferneren Ländern, uns im Grunde ähnlicher sind, als wir meinen.

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        1. dass wir Menschen, ob wir nun aus DE oder NL stammen, oder aus ferneren Ländern, uns im Grunde ähnlicher sind, als wir meinen.

          Das stimmt auf jeden Fall, Momo. Andererseits ist es gerade dieser Gedanke „ach, „die“ sind doch genauso wie „wir“, die zwischen Deutschen und Niederländern oft zu Missverständnissen führt. Das ist einer der Hauptgründe dafür, dass ich 2009 mit diesem Blog begonnen habe.

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          1. Und dafür vielen Dank! Es gelingt Dir wirklich wunderbar, die kleinen (und größeren) Unterschiede zu beleuchten und jenseits von Klischee-Pflege tiefere Einblicke in beide Kulturen/Gesellschaften zu gewähren. Und die Dialoge, die sich durch die Kommentare entwickeln, sind auch spannend. Pure Begeisterung meinerseits :-).

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            1. Danke Momo! Die Kommentare zu den Artikeln empfinde ich auch als eine wirkliche Bereicherung. Ich freue mich sehr über den Austausch, der hier auf buurtaal stattfindet.

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  16. Vielleicht noch erwähnenswert, dass fast jeder/jede Deutsche zu glauben scheint, dass Schwulen und Lesben schon längst heiraten können in Deutschland. Die deutsche LHBT-Gemeinschaft ist selber mit schuld daran, weil fast jede/jeder mit einer „eingetragenen Partnerschaft“ sagt: „Ich bin verheiratet“, was einfach inkorrekt ist.

    Gays in Holland können schon seit dem 1. April 2001 heiraten (kein Scherz!), in Deutschland wurde erst Jahre später die eingetragene Partnerschaft ermöglicht für Personen vom gleichen Geschlecht. Ich selber lebte in Holland schon seit 1991 in einer eingetragenen Partnerschaft mit meiner damaligen Lebensgefährtin!

    Und dennoch liest man überall Aussagen wie: „Deutschland gehört mit zu den ersten Nationen, wo LHBTs gleichberechtigt wurden.“ *seufzt*

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    1. Das ist mehr ein Missverständnis über Deutschland als über die Niederlande, aber Du hast völlig recht. Auch ich leiste diesbezüglich regelmäßig Aufklärungsarbeit. Heiraten kann man als schwules oder lesbisches Paar inzwischen in immer mehr Ländern, aber Deutschland gehört nicht dazu:

      Gleichgeschlechtlich gleichberechtigt

      Antworten

  17. Das „Lockere“ bei den Holländern bezieht sich allerdings nicht auf eine spezifische christliche Gruppe, die Holland möglicherweise mehr als alle anderen Gruppen geprägt hat: Die Calvinisten. Das sind Protestanten und Evangelische, die, anders als in Deutschland, viele Male strenger sind als Katholiken.

    Generell sind Katholen in Holland auch ziemlich locker. Höchstens einmal sonntags in die Kirche und nachher gezellig in die Kneipe z.B., was für ganz viele calvinistische Splitterkirchen in Holland undenkbar wäre! Hat man als Kathole gesündigt, ach, ein paar Mal „Sei gegrüßt“ beten, und es ist dir schon wieder vergeben. Calvinisten kennen keine Beichte und quälen sich ständig mit Schuldgefühlen und Angst vor Hölle und Verdammnis. Sie kennen auch kein Fegefeuer: Einmal tot, gibt es keine Rettung mehr!

    Aus Erfahrung weiß ich leider, wie das einen prägt, wenn man so aufgezogen wird. :-(

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  18. Wie recht du hast, diese alten Missverständnisse……..
    komisch, woher weiss der deutsche, dass Holland ein Drogenparadies ist….
    na ja, er wird wohl Erfahrung haben, grins
    Übermaß an Wohnwagen ist mir nicht bekannt, wie sollte auch ? Ist ja gar nicht
    soviel Platz vorhanden.
    Dass niederländisch nur ein Dialekt des deutschen ist, kann wirklich nur der
    Dumme sagen. Wer einmal versucht niederländisch zu lernen, wird mir zustimmen.
    schlechtes, fettiges Essen ? Ja das wirkt zunächst so, weil man überall und zu allem immer Pommes bekommt. Wenn ich jedoch die Niederländer einkaufen sehe, muss ich staunen, wie sorgsam sie auswählen und ich hab schon mal eine Unterhaltung belauscht, da ging es um Inhaltsstoffe, Zusammensetzung und Verarbeitung der Lebensmittel und vieles mehr. Donnerwetter ich konnte nur staunen, wie informiert die Hausfrauen sind. Ausserdem fällt auf, dass in den Supermärkten nur wenige Süßwaren zu finden sind, wo bei uns Reihenweise
    Süßwaren angeboten werden, stehen bei denen Bioprodukte. Und, man sieht ja auch keine oder ganz wenige Dicke Menschen. Bei uns werden es immer mehr.
    Ich persönlich liebe das niederländische Brot, schon deshalb, weil ich damit im Verhältnis zu unserem Brot viel weniger Kalorien aufnehme. Nun endlich haben wir ähnliches Brot in den Läden und ich freue mich sehr darüber. Dass der deutsche aber in Holland über das Brot meckert und sogar in den Läden unser Brot verlangt, ist ein wenig unhöflich.
    Ich kenne die leckeren Fischspezialitäten auf den Märkten, wie jedoch die Hausfrau zuhause solche Sachen produziert und mit welchen Zutaten sie es serviert ist mir nicht bekannt. Schade, gibt´s irgendwo ein niederländisches Kochbuch welches wir verstehen können ?

    Wer nach Volendam fährt bekommt natürlich diesen Mühlen- Tulpen- Holzschuh-Eindruck. Volendam ist ein reines Touristendorf, dort wird auf engstem Raum alles präsentiert, was die Niederländer zu bieten haben, was sie heute sind, was sie vor Jahrhunderten waren, und das auf eine bunte, fröhliche, nette Art, daß man immer wieder mal hinwill.
    Die deutsche Werbung muss einfach mal eine moderne Frau Antje schaffen, dann wird alles besser. Het komt goed.

    Dein Punk -Einstellungssache- endlich spricht´s mal einer aus, wir sollten wirklich langsam anfangen, Lösungen zu suchen.

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