Niederländer schimpfen und fluchen anders als Deutsche. Wie genau? Lies weiter …
Als ich noch nicht lange in Deutschland lebte, fand ich es gar nicht so einfach, meine Emotionen in der neuen Sprache auszudrücken. Ausrufe der Betroffenheit, Bestürzung und des Erstaunens gehen einem nun mal leichter in der Muttersprache von der Hand als in einer Fremdsprache, auch wenn man letztere schon leidlich gut beherrscht. Gleiches gilt für Bekundungen von Freude und für Wutausbrüche.
Genau aus diesem Grund rollten im ersten halben Jahr in der neuen Heimat so gut wie keine Flüche über meine Lippen. Meine bisherigen, bevorzugten Fluchwörter waren – bis auf shit – auf Niederländisch. Die passten einfach nicht in die neue Umgebung, sodass ich mich unwillkürlich zurückhielt. Ein entsprechendes deutsches Repertoire musste ich erst noch aufbauen.
In Deutschland: Alles Scheiße oder was?
Was mir sofort auffiel war, wie viel im Deutschen mit Scheiße möglich ist. Es ist das Universalschimpfwort schlechthin. Scheiße wird nicht nur als für sich stehender Ausruf verwendet, sondern ist auch in Kombination mit Subjektiven und Adjektiven vielseitig im Einsatz. So ist es häufig Scheißwetter, hat man scheiße geschlafen, sind die neuen Schuhen scheißteuer gewesen, aber letztendlich ist das scheißegal.
Wer Scheiße zu derb oder zu wenig gesellschaftsfähig findet, kann auf beliebte Alternativen wie Schade, Schande oder Scheibenkleister ausweichen. Oft wird dabei nach sch kurz innegehalten. Wer hingegen eine Steigerung braucht, kann seiner Scheiße noch ein beherztes verdammte voranstellen.
Neben Scheiße sind auch sinnverwandte Wörter wie Mist, Dreck, und Arsch beliebte Mittel, Ablehnung oder Abwertung zu äußern. Hierzu passt auch die arme Sau in ihrer Kapazität als mistproduzierendes Wesen. In umgangssprachlichen Wörtern wie arschkalt oder saumüde dienen die Vorsilben schlicht dazu, eine Verstärkung auszudrücken.

Von der prominenten Rolle von Scheiße, Arsch und Konsorten in der deutschen Sprache zeugen auch die vielen Ausdrücke und Redewendungen, in denen sie auftreten. Hier nur eine kleine Auswahl:
- sich scheiße fühlen
- Scheiß reden
- auf die Kacke hauen
- in die Hose gehen
- sich den Arsch aufreißen
- im Arsch sein
- jemandem geht der Arsch auf Grundeis
- jemandem steht die Scheiße bis zum Hals
- jemanden verarschen
- Himmel, Arsch und Zwirn!
- ein Griff ins Klo
Bei den Schimpfwörtern und Beleidigungen spielen Arschloch und Arsch in der obersten Liga mit. Bekannt ist auch die Arschgeige, die manche irrtümmlicherweise für ein Musikinstrument halten.
Andere "Klassiker" sind die verbreitet geschlechtsneutral angewandten Begriffe Idiot und Trottel, die männlichen Penner und Wichser sowie die weiblichen blöde Kuh und Fotze. Allerdings wirkt der Gebrauch von Ausdrücken aus sexuellem Kontext im Deutschen extrem vulgär, sodass man sich gut überlegen sollte, ob man sie wirklich verwenden möchte.
Idioten und Trottel begegnen einem oft in der verstärkten Form mit der Vorsilbe Voll-. Es ist im Deutschen durchaus möglich, den Adressaten eines Schimpfwortes zu siezen. Im Niederländischen wäre das schlicht undenkbar. In meiner Muttersprache geht ein "Sie" immer mit einem gewissen Respekt einher.
Aber wie flucht man nun im Niederländischen?
Während sich im Deutschen das Fluchen und Schimpfen also oft auf der anal-exkrementellen Ebene abspielt, ist man im Niederländischen bevorzugt genital-sexuell unterwegs. Um Ärger oder Unmut Ausdruck zu verleihen, bedienen sich Niederländer nämlich gerne diverser Geschlechtsteile.
Wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie sollen, sind sie im Niederländischen schnell kut oder klote. Während Letzteres buchstäblich Hodensack bedeutet, ist kut als Substantiv eine derbe Bezeichnung für Vagina.
Genauso wenig jedoch wie ein deutscher Muttersprachler bei Scheiße an einen dampfenden Haufen denkt, erscheinen bei den Niederländern bei kut oder klote die entsprechenden Körperteile vor dem inneren Auge. Beide Wörter sind komplett von der ursprünglichen Bedeutung losgelöst. Müsste ich diese Flüche ins Deutsche übersetzen, wäre Scheiße in vielen Fällen sinngemäß wohl am passendsten.
- Dat is zwaar klote. – Das ist total scheiße.
- Ik voel me kut. – Ich fühle mich scheiße.
Vorsilbe
Mit Scheiße gemeinsam haben klote und kut, dass sie sehr produktiv als Vorsilbe agieren. Gleiches gilt im Niederländischen übrigens für rot (Aussprache), was so viel wie lausig bedeutet und sehr häufig vorkommt. Im Gegensatz zu den beiden anderen Formen ist rot zwar deutlich abwertend, aber nicht vulgär und daher im Zweifelsfall zu bevorzugen.
- Wat een rotweer! – Was für ein mieses Wetter!
- Wat een kloteweer/kutweer. (vulgaire Sprache) – So ein Scheißwetter/Sauwetter!
Derbe Verben
Auch bei den beiden deutschen Verben verarschen und bescheißen bevorzugen Niederländer ein Wort aus dem Sexualbereich: verneuken.
Es leitet sich von neuken ab – eine recht informelle (aber noch nicht ganz ins Derbe abgerutschte) Bezeichnung für Geschlechtsverkehr haben. Die deutsche Entsprechung dazu wäre vielleicht am ehesten bumsen. (Ficken befindet sich stilistisch eine Ebene darunter.)
- iemand verneuken – jemanden verarschen/bescheißen
Niederländische Scheiße
Scheiße und Mist finden auch im niederländischen Wort stront eine Entsprechung. Man begegnet ihm hauptsächlich in festen Kombinationen wie strontzat, strontziek, strontvervelend (stinklangweilig/total doof) oder stronteigenwijs. Eine Mischung aus profan und biblisch bietet strontlazarus (sternhagelvoll).
- Ik ben je spelletjes strontzat. – Ich habe die Nase gestrichen voll von deinen Spielchen.
- Zij was altijd al stronteigenwijs. – Sie war immer schon total dickköpfig.
International: Shit und Fuck
Auch die die aus dem Englischen übernommenen Ausrufe shit und fuck in den Niederlanden ziemlich beliebt. Shit ist dabei seit den Sechzigerjahren verbrieft, fuck taucht in meiner Muttersprache in den Achtzigern auf.
Schimpfen auf Niederländisch
Nicht nur die weiblichen Genitalien müssen im Niederländischen als Fluch-und Schimpfwort herhalten, das männliche Glied muss im Niederländischen herhalten. Als lul! ist der Penis ein gern genutztes Schimpfwort.
Andere Spitzenreiter in diesem Bereich sind klootzak (Hodensack), zak und eikel (Eichel). Ist das Objekt des Unmuts eine Frau, bieten sich (domme) trut/tut, (stom) wijf, rotwijf oder kutwijf an, wobei Letzteres schon ausgesprochen derb ist.
- Wat een rotzak/zak/lul/klootzak/eikel. – Was für ein Scheißkerl/Idiot.
- Wat een rotwijf. – Was für eine blöde Kuh.
Obwohl lul als Beschimpfung recht häufig ist, wird das Wort nicht – wie kut und klote – als allgemeine Unmutsäußerung verwendet. Wohl aber gibt es das Adjektiv/Adverb lullig. Es bedeutet doof, blöd oder unredlich und man hört es oft.
- Doe niet zo lullig. – Sei nicht so doof/gemein.
- Wat lullig/rot voor je. – Wie doof für dich.
- Wat een lullige opmerking. – Was für eine blöde Bemerkung.
Püpschen und Fürzchen
Aus dem Fäkal- und Analbereich stammen im Niederländischen zwar kaum Schimpfwörter, dafür aber einige Verniedlichungen und Kosenamen wie poepie und scheetje. Über Haustiere und Kleinkinder hinaus sollte man damit tunlichst nur engste Verwandte sowie den oder die eigene(n) Geliebte(n) ansprechen. Und sogar die werden davon in vielen Fällen nicht besonders angetan sein.
Gott und Verdammnis
Zu den am meisten verwendeten Kraftausdrücken dürfte ferner godverdomme mit seinen zahlreichen Abwandlungen gehören. Starker Tobak, denn wortwörtlich beschwört man damit Gottes Verdammnis herauf. Im Deutschen würde man hier sicherheitshalber Gott außen vor lassen und verdammt (noch mal) sagen.

Abgemildert
Da godverdomme auch vielen Niederländern zu weit geht, haben sich unzählige – harmlosere – Variationen herausgebildet. Im Niederländischen nennt man diese Gattung auch bastaardvloeken: verhüllende Flüche.
Beliebt sind zum Beispiel verdomme (verdammt) und (god-) verdorie, aber die Skala reicht von godsamme über getverderrie und heremetijd bis hin zu verdikkie.
Besonders das Präfix pot (eine Verfremdung von god – Gott) bildet die Basis für eine ganze Riege mehr oder weniger kreativer Wortschöpfungen wie potjandorie, potverdriedubbeltjes oder potverdulleme.
Jeetje
Mein persönlicher Favorit, der es auch in meinen deutschen Wortschatz geschafft hat, ist das inzwischen leicht altmodisch anmutende jeetje – eine Verballhornung von jezus. Mit diesem vielseitigen Wort kann ich Bewunderung, Erstaunen aber auch Missbilligung zum Ausdruck bringen. Ähnliches gilt für das kurze und knappe goh. Beide sehe ich auch eher als Ausruf als als Fluch- oder Schimpfwort.
Religiöse Flüche und ihre Abwandlungen werden bevorzugt von Niederländern über 55 verwendet, so geht aus Untersuchungen hervor. Für sie ist hier offensichtlich noch ein Tabu aufzuarbeiten. Für jüngere Generationen spielt Gott eine weniger große Rolle. Sie schöpfen eher aus dem Sexualbereich.
Krankheiten
Mein Fall ist es nicht, aber typisch Niederländisch ist es, den Betroffenen bei Beschimpfungen irgendwelche Krankheiten an den Hals zu wünschen. Dieses Phänomen ist im Deutschen zwar nicht unbekannt, aber weitaus seltener. Im Prinzip sind hier der Phantasie keine Grenzen gesetzt.
Krankheiten finden sich zum Beispiel in Schimpfwörtern wie teringlijder (Schwindsüchtiger) oder kankerhoer (sinngemäß: Schlampe) wieder.

Gern genommen wird die Floskel krijg de [x], wobei anstelle des Platzhalters jedes beliebige, aber möglichst fiese körperliche Leiden stehen kann.
- Krijg de klere – “Krieg die Cholera”
- Krijg het lazarus – “Krieg Lepra”
- Krijg de pest - “Krieg die Pest”
- Krijg de tering/de pleuris - “Krieg die Schwindsucht”
- Krijg de pokken - “Krieg die Pocken”
Relativ harmlos sind hingegen krijg het heen en weer (“das Hin und Her”) und Ausrufe der Verwunderung wie
- Krijg nou wat. – "Krieg jetzt was.”
- Krijg nou tieten.– “Krieg jetzt Titten.”
Und wie sieht es jetzt bei mir aus?
Nach all den Jahren in Deutschland fluche ich immer noch am liebsten auf Niederländisch. Die Kraftausdrücke aus meiner Muttersprache sind mir einfach näher. Ich bin mit ihnen groß geworden.
Und "Scheiße"? Scheiße als Fluch finde ich einfach kut.

- Die Illustrationen in diesem Beitrag sind mithilfe der freien Schrift HardTalk entstanden.
- Erstmals veröffentlicht am 2. Februar 2013, inhaltlich zuletzt überarbeitet im Februar 2026.
