Niederländisch lernen, ohne es beabsichtigt zu haben? Bei buurtaal-Leser Bernd hat es genau so funktioniert. Als Informatiker und Musiker ist er dabei methodisch vorgegangen, nur eben nicht nach Lehrbuch, sondern spielerisch: Wörter vergleichen, Systematiken erkennen, Regeln erraten (und manchmal auch wieder verwerfen). So macht Niederländisch lernen Spaß.

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Ein Gastartikel von Bernd Klein

Musik als Schlüssel zur Sprache

Lieder sind immer eine gute Möglichkeit, eine Fremdsprache zu lernen. Ich habe diese Methode schon bei vielen Sprachen genutzt: Französisch mit Patricia Kaas, Italienisch mit Gianna Nannini und Zucchero, Türkisch mit Sezen Aksu und Griechisch mit Athena Andreadis.

Beim Niederländischen war es jedoch anders.

In den zuvor genannten Fällen wollte ich die jeweilige Sprache bewusst lernen. Bei Niederländisch hatte ich das ursprünglich gar nicht vor. Ich war häufiger aus beruflichen und privaten Gründen in den Niederlanden. Dort hörte ich niederländische Lieder und stellte fest, dass ich Bruchstücke verstand, obwohl ich die Sprache nie gelernt hatte.

Das Rätsel Niederländisch

Ähnlich ging es mir mit Zeitungen und anderen Texten. Die waren allerdings schwieriger.

Wenn ich allein im Hotel beim Frühstück saß, starrte ich manchmal auf die niederländische Tageszeitung und versuchte, die Überschriften und Texte zu verstehen. Irgendwie kam mir das geschriebene Niederländisch zunächst schwieriger vor als langsam gesprochenes Niederländisch.

Beim Zuhören halfen wahrscheinlich die Betonung, der Zusammenhang und die Ähnlichkeit vieler Wörter mit dem Deutschen. Bei der Zeitung musste ich dagegen erst einmal herausfinden, wie die geschriebenen Buchstaben überhaupt ausgesprochen wurden.

So begann ich, mir das Niederländische selbst zu erschließen.

Vom Wort zur Regel

Ich lernte nicht zuerst Regeln und wandte sie dann auf die Wörter an. Es war genau umgekehrt: Ich sah oder hörte Wörter, verglich sie mit dem Deutschen und entwickelte daraus meine eigenen Regeln.

Von „mijn“ zu „mein“

Eine der ersten Buchstabenkombinationen, die mir auffiel, war das niederländische „ij“. Ich merkte, dass ich viele Wörter verstehen konnte, wenn ich „ij“ gedanklich durch das deutsche „ei“ ersetzte.

So wurde aus

mijn – „mein“

und aus

tijd – zunächst „teit“.

Bei mijn war ich damit bereits am Ziel. Bei tijd dagegen noch nicht. Mit „teit“ konnte ich zunächst nichts anfangen.

Von „t“ zu „z“ ...

Irgendwann kam mir – im Laufe der Zeit – die Idee, dass man in vielen Fällen ein niederländisches t am Anfang eines Wortes durch ein deutsches z ersetzen kann.

So wurde aus tijd schließlich Zeit.

Plötzlich funktionierte dieselbe Idee auch bei anderen Wörtern:

Aus twee wurde zwei.

Aus tien wurde zehn.

Aus twijg wurde Zweig.

Und aus twijfel wurde sehr schnell und ganz ohne Zweifel der deutsche Zweifel.

Auch bei tellen half mir diese Entdeckung. Zunächst wurde daraus gedanklich „zellen“. Im richtigen Zusammenhang war der Weg zum deutschen zählen dann nicht mehr weit.

... oder zu „s“, „ss“ oder „ß“

Dann bemerkte ich, dass ein niederländisches t nicht nur am Wortanfang eine Entsprechung im Deutschen hat.

Innerhalb eines Wortes oder am Ende steht ein niederländisches t häufig dort, wo im Deutschen ein s, ss oder ß steht.

So wurde aus

water – Wasser,

aus

eten – essen,

aus

straat – Straße

und aus

wit – weiß.

Rätselhafte Vokalkombinationen

Das waren natürlich keine Regeln, die immer und ohne Ausnahme funktionierten. Aber für mich waren sie ausgesprochen hilfreich. Sie gaben mir eine Möglichkeit, ein zunächst fremdes Wort gedanklich so lange zu verändern, bis daraus etwas Vertrautes wurde.

Wie aus „voet“ ein Fuß wurde

Wie war es aber mit dem niederländischen Wort voet?

Das v war für mich kein großes Problem. Schließlich wird auch das deutsche v in vielen Wörtern wie ein f ausgesprochen.

Aus voet wurde für mich also zunächst ungefähr „foet“.

Damit war ich allerdings noch nicht am Ziel. Einen „Foet“ gab es im Deutschen nicht.

Ich brauchte noch eine weitere Idee.

Dann erkannte ich, dass die niederländische Buchstabenkombination „oe“ wie ein deutsches „u“ ausgesprochen wird.

Aus „foet“ wurde damit ungefähr „fut“.

Jetzt musste ich nur noch meine bereits entdeckte Regel für das t am Wortende anwenden. Das niederländische t konnte im Deutschen einem ß entsprechen.

Und plötzlich war der Fuß da:

voet → foet → fut → Fuß

Diese Entdeckung half mir auch bei anderen Wörtern.

Aus boek wurde Buch.

Aus goed wurde gut.

Aus bloed wurde Blut.

Aus moeder wurde Mutter.

Und aus zoeken wurde suchen.

Manchmal musste ich mehrere kleine Veränderungen miteinander kombinieren. Aber genau das machte für mich den Reiz aus.

Ein „gut genug" für „ui"

Dann kam ich zur Buchstabenkombination „ui“.

Zu dieser Kombination liest man häufig, dass sie einen Laut bezeichnet, für den es im Deutschen keine genaue Entsprechung gibt.

Das hätte die Sache kompliziert gemacht. Aber ich ging ja pragmatisch vor. Ich schaute mir die geschriebenen Wörter an und fantasierte darüber, wie sie ausgesprochen werden könnten und welches deutsche Wort sich vielleicht dahinter verbarg.

Dabei kam ich beim niederländischen „ui“ auf das deutsche „au“.

Das stimmt von der Aussprache her zwar nicht ganz, aber für mich war es zunächst gut genug.

So wurde aus der niederländischen gebruiksaanwijzing eine deutsche Gebrauchsanweisung.

Erst später las ich, wie dieser Laut in Lehrbüchern beschrieben wird. Dort heißt es, dass der niederländische ui-Laut im Deutschen nicht genau vorkommt. Er klingt ungefähr wie eine Mischung aus „öi“, „äu“ und einem mit gerundeten Lippen gesprochenen „ei“.

Das Wort huis wird also nicht wie das deutsche Wort „Haus“ ausgesprochen. Es klingt eher ungefähr wie „höis“ oder „häus“. Aber auch diese Schreibweisen sind nur Annäherungen.

Für das Verstehen war meine zunächst falsche Aussprache trotzdem sehr hilfreich.

So wurde aus dem niederländischen huis ein deutsches Haus.

Aus der muis wurde eine Maus.

Und aus der Farbe bruin wurde braun.

Ich hatte den niederländischen Laut zwar nicht richtig ausgesprochen, aber ich hatte die Bedeutung der Wörter gefunden.

Das war für mich zunächst wichtiger.

Die korrekte Aussprache konnte ich später immer noch lernen. Zuerst wollte ich verstehen, was ein Wort bedeutete.

„ou“ – diesmal wirklich wie „au“

Einfacher war die niederländische Buchstabenkombination „ou“.

Sie wird tatsächlich ungefähr wie das deutsche „au“ ausgesprochen. Dasselbe gilt im Niederländischen auch für die Buchstabenverbindung „au“.

So konnte ich mir einige Wörter schnell erschließen:

jou – dich oder dir,

vrouw – Frau,

blauw – blau.

Bei blauw war die Ähnlichkeit mit dem deutschen Wort blau sofort zu erkennen.

Auch bei vrouw half mir wieder, dass ein niederländisches v für deutsche Ohren häufig fast wie ein f klingt. So war die Frau schnell gefunden.

Andere Wörter waren nicht ganz so offensichtlich.

Aus oud wurde alt.

Aus koud wurde kalt.

Aus goud wurde Gold.

Und bei houden konnte sich je nach Zusammenhang eine Verbindung zum deutschen halten ergeben.

Auch hier gab es also keine einzige einfache Regel, mit der sich jedes Wort automatisch übersetzen ließ. Meistens musste ich mehrere Beobachtungen miteinander verbinden und zusätzlich den Zusammenhang berücksichtigen.

Entdeckungen

Auf diese Weise wurde Niederländisch für mich immer mehr zu einem Rätselspiel. Ich musste ein Wort nicht sofort kennen. Es reichte oft, einzelne Buchstaben oder Laute gedanklich zu verändern und zu schauen, ob dabei ein bekanntes deutsches Wort entstand.

Manchmal führte mich sogar eine falsche Aussprache zur richtigen Bedeutung. Für mich war das kein Problem. Das Verstehen kam zunächst vor der perfekten Aussprache.

Ich lernte also nicht zuerst die grammatischen und phonetischen Regeln des Niederländischen. Stattdessen entdeckte ich Wörter, verglich sie mit dem Deutschen und leitete daraus meine eigenen Regeln ab.

Mit jeder neuen Entdeckung öffnete sich die Sprache ein wenig weiter. Was zuerst fremd ausgesehen hatte, wurde plötzlich vertraut. Aus einer niederländischen Buchstabenfolge entstand ein deutsches Wort, das ich längst kannte.

Und genau das machte für mich den besonderen Reiz aus: Niederländisch zu verstehen fühlte sich nicht wie das Auswendiglernen einer Fremdsprache an, sondern wie das Lösen eines Rätsels.

Gesetzmäßigkeiten: niederländische und deutsche Wörter

Vom Verstehen zum Fühlen

Eigentlich wollte ich diesen Gastartikel über meine Erfahrungen mit dem Lernen der niederländischen Sprache „Lernen mit Liedern" nennen. Denn es waren Musik und Songtexte, die mir besonders halfen, einen emotionalen Zugang zur Sprache zu finden.

Die Wörter wurden gesungen, wiederholt und durch die Musik leichter erinnerbar. Gleichzeitig konnte ich anhand des Zusammenhangs oft erraten, worum es ging.

So begann ich Niederländisch zu lernen, obwohl ich ursprünglich gar nicht vorhatte, diese Sprache zu lernen. Die Sprache kam gewissermaßen von selbst zu mir – durch Reisen, Gespräche, Zeitungen und vor allem durch Lieder.

Vor allem der niederländische Sänger Marco Borsato half mir sehr dabei, die Wörter, deren Bedeutung ich mir zuvor erschlossen hatte, weiter zu vertiefen und wirklich zu lernen. Ich hörte seine Lieder oft, manchmal auch dasselbe Lied immer wieder. Mit jedem Hören wurden mir die Bedeutungen klarer.

De Waarheid

Mein Lieblingslied von ihm ist ein wunderschönes Lied, und es macht mir immer wieder Freude, es zu hören – obwohl sein Inhalt sehr traurig ist. Es heißt De Waarheid. Den Titel zu übersetzen, war mit meinen inzwischen erworbenen Niederländisch-Kenntnissen keine große Kunst mehr.

Das Lied beginnt mit den Worten:

Ik denk aan wat je voelt, ik denk aan hoe je lacht

Mit den Regeln, die ich inzwischen selbst entdeckt hatte, konnte ich schon vieles verstehen. Als ich dann noch herausgefunden hatte, dass hoe (ungefähr wie „hu“ ausgesprochen) wie bedeutet, verstand ich den Anfang als:

Ich denke daran, wie du dich fühlst. Ich denke daran, wie du lachst.

Dabei empfand ich ein großes Glücksgefühl. Ich verstand etwas in einer Sprache, die ich nie so richtig hatte lernen müssen – oder besser gesagt: die ich fast nur aus Freude und mit viel Spaß gelernt hatte.

Gut, die nächsten beiden Zeilen waren schwieriger. Sie lauten:

Ik denk aan al die liefde die jij me hebt gegeven
En wat jij verwacht

Zunächst musste ich verstehen, dass liefde nichts mit Luft zu tun hat, sondern Liebe bedeutet. Und verwacht war ein harter Brocken. Darauf, dass es erwartest bedeutet, kommt man nicht so leicht.

Die Zeilen bedeuten:

Ich denke an all die Liebe, die du mir gegeben hast, und an das, was du erwartest.

Einfacher waren die nächsten Zeilen:

Aan wat je van me denkt
En hoe je voor me leeft

Daraus wurde für mich schnell:

Daran, was du von mir denkst und wie du für mich lebst.

Den Refrain lernte ich besonders zu lieben. Obwohl sein Inhalt schrecklich traurig ist, war ich glücklich darüber, dass ich ihn verstehen und fühlen konnte, fast so, als wäre er auf Deutsch.

Der Refrain dreht sich um die Frage, wie man einem geliebten Menschen sagen kann, dass das bisherige Leben und die Liebe, die er empfunden hat, bald verschwinden werden. Das ganze sehr poetisch:

Hoe vertel je iemand
Dat de aarde niet meer rond is
Dat de vogels niet meer vliegen
En de zon niet langer schijnt

Sinngemäß verstand ich:

Wie sagt man jemandem, dass die Erde nicht mehr rund ist, dass die Vögel nicht mehr fliegen und die Sonne nicht länger scheint?

Direkt ins Herz

Gerade dieser Refrain zeigte mir, wie sehr ein Lied beim Sprachenlernen helfen kann. Anfangs verstand ich nur einzelne Wörter. Nach und nach wurden daraus ganze Sätze. Schließlich musste ich die Zeilen nicht mehr bewusst übersetzen. Ich verstand ihre Bedeutung unmittelbar und konnte auch das Gefühl erfassen, das mit ihnen verbunden war.

Damit hatte ich etwas erreicht, das mir beim Lernen mit Liedern besonders wichtig ist: Die Wörter waren nicht mehr nur Vokabeln. Sie waren mit einer Melodie, einer Stimme und einer Stimmung verbunden. Dadurch blieben sie mir im Gedächtnis.

Ich hatte Niederländisch nicht mit einem Lehrbuch und nicht nach einem festen Lernplan gelernt. Ich hatte Wörter entdeckt, Regeln erraten, Fehler gemacht und meine Vermutungen später verbessert. Die Lieder von Marco Borsato halfen mir schließlich dabei, aus diesen einzelnen Entdeckungen eine Sprache zu machen, die ich immer besser verstehen konnte.

Nicht, dass nun ein falscher Eindruck entsteht: Ich kann immer noch kein Niederländisch. Ich verstehe einiges, besonders wenn langsam gesprochen oder gesungen wird, aber selbst sprechen kann ich die Sprache nicht. Dazu müsste ich wohl noch deutlich mehr niederländische Musik hören.

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Bernd über sich

Musik ist für mich weit mehr als nur eine Hilfe beim Sprachenlernen. Eigentlich bin ich Informatiker und Python-Dozent, aber ich spiele verschiedene Instrumente, komponiere eigene Stücke und produziere Musikvideos.

Besonders gern verbinde ich meine Musik mit Landschaften, Kunstwerken und historischen Bildern. Meine Musik und viele dieser Videos veröffentliche ich auf meinem YouTube-Kanal KleinTones. Weitere Informationen finden sich auf meiner Website klein-singen.de.

Mehr wissen über die niederländische Aussprache?

In den folgenden buurtaal-Artikeln gehe ich näher auf einige der von Bernd angesprochenen Themen ein.

Die niederländische Aussprache erklärt
Zweierlei ei – das kurze ei und das lange ij
Klangwirrwarr: die Aussprache von eu, oe & u
Kuiken, keuken, koeken (ui, eu, oe)
au oder ou?
Zischlaute s und z
Ganz schön hart: das niederländische G
 
Die hochdeutsche Lautverschiebung
10 Aussprache-Tipps für Niederländisch
Das Geheimnis der niederländischen Vokale