Auch wenn du kein Grammatik-Fan bist: Wenn Deutsch deine Muttersprache ist, benutzt du ihn täglich: den Konjunktiv II. Diese Form nutzt man im Deutschen immer dann, wenn man über (Un-)Möglichkeiten und Wünsche spricht oder wenn man etwas höflich formulieren möchte.
- Fallafelbällchen oder Donuts? Was würdest du wählen?
- Könntest du mir bitte helfen?
- Ich möchte gerne einen starken Kaffee bestellen.
Kein Konjunktiv II im Niederländischen
Das Niederländische kennt keinen Konjunktiv II. Für das, was man mit dieser Verbform im Deutschen zum Ausdruck bringt, hat meine Muttersprache andere Möglichkeiten.
Die vielleicht wichtigste ist die Verwendung von zou oder zouden in Kombination mit einem Infinitiv (Vollverb).
Auch die normalen Vergangenheitsformen Imperfekt und Plusquamperfekt können im Niederländischen als Konjunktiv II verwendet werden. Das allerdings nur, wenn aus dem Kontext klar hervorgeht, dass es sich um eine (Un-)Möglichkeit, einen Wunsch, eine Hoffnung oder eine höfliche Bitte handelt (und nicht um etwas, das tatsächlich geschehen ist). Sonst kann es zu Missverständnissen kommen.
Wie sieht das in der Praxis aus?
Zou ist die Vergangenheitsform des niederländischen Modalverbs zullen. Zou ist die Einzahlform (ik, jij, hij, zij, het), zouden die Mehrzahlform (wij, jullie, zij).
Würde
Würde ist die Konjunktiv II-Form vom Hilfsverb werden.
Deutsch 🇩🇪 Ich würde die Fallafelbällchen nehmen.
Niederländisch 🇳🇱 Ik zou de fallafelballetjes nemen.
Deutsch 🇩🇪 Wir würden gerne kommen.
Niederländisch 🇳🇱 Wij zouden graag komen.
Deutsch 🇩🇪 Was würdest du tun?
Niederländisch 🇳🇱 Wat zou jij doen?
Wo das Deutsche also “würde … [Vollverb]” sagt, sagt das Niederländische “zou … [Vollverb]”.
Wäre, hätte
Bei den Hilfsverben sein und haben sieht das im Vergleich ähnlich aus. Hier nimmt man aber Bezug auf etwas, was bereits in der Vergangenheit liegt, oder was nie eingetreten ist. Zusätzlich zum Infinitiv (zijn oder hebben) benötigt man hier genauso wie im Deutschen auch noch ein Partizip II (Partizip Perfekt).
Deutsch 🇩🇪 Ich wäre gern dabei gewesen.
Niederländisch 🇳🇱 Ik zou er graag bij zijn geweest.
Eine Besonderheit im Niederländischen ist die relativ freie Reihenfolge des Infinitivs und des Partizips II. Neben “zijn geweest” kann man genauso gut “geweest zijn” sagen.
Deutsch 🇩🇪 Ich hätte es selbst gemacht, wenn ich Zeit gehabt hätte.
Niederländisch 🇳🇱 Ik zou het zelf gedaan hebben als ik tijd zou hebben gehad.”
“Ich hätte” + Partizip II entspricht im Niederländischen “ik zou hebben” + Partizip II.
dürfte, könnte, möchte, müsste, sollte, wollte
Spannend wird es für Deutsche, die Niederländisch lernen, wenn es um die sogennanten Modalverben geht. Im Deutschen sind das dürfen, können, mögen, müssen, sollen und wollen. Als Konjunktiv II begegnet man ihnen als dürfte, könnte, möchte, müsste, sollte und wollte.
Eine solche praktische, kompakte Form fehlt im Niederländischen. Auch hier kommen zou und zouden zum Einsatz. Diesmal jedoch in Kombination mit gleich zwei Infinitiven: dem des Modalverbs und dem des eigentlichen Verbs. Beide werden gebraucht: Das Hauptverb für die Handlung, um die es geht, und das Modalverb, um diese Handlung als wünschenswert, möglich oder notwendig zu kennzeichnen.
dürfte → zou ... mogen
Deutsch 🇩🇪 Dürfte ich mich hier hinsetzen?
Niederländisch 🇳🇱 Zou ik hier mogen zitten?
könnte → zou … kunnen
Deutsch 🇩🇪 Könntet ihr mir bitte helfen?
Niederländisch 🇳🇱 Zouden jullie me kunnen helpen?
möchte → zou willen
Deutsch 🇩🇪 Ich möchte mich bei dir bedanken.
Niederländisch 🇳🇱 Ik zou je graag willen bedanken.
müsste → zou moeten
Deutsch 🇩🇪 Das müsste gehen.
Niederländisch 🇳🇱 Dat zou moeten kunnen.
sollte → zou moeten
Deutsch 🇩🇪 Das sollte gehen.
Niederländisch 🇳🇱 Dat zou moeten kunnen.
wollte → zou willen
Deutsch 🇩🇪 Ich wollte, du wärest hier.
Niederländisch 🇳🇱 Ik zou willen dat je hier was.
Neben “ik zou willen” sieht man hier oft auch die einfache Vergangenheitsform “ik wou” → Ik wou dat je hier was. (Siehe Kasten “andere Möglichkeiten” weiter oben)
In der Praxis merke ich oft, dass bei Niederländisch-Lernenden einer der beiden Infinitive auf der Strecke bleibt. Und zwar nicht das Hauptverb, sondern das niederländische Modalverb. Zou fungiert dann plötzlich als Alleskönner-Modalverb, das für kunnen, moeten, mogen, zullen und willen herhalten muss.
Das führt zu Missverständnissen, denn niederländische Gesprächspartner:innen wissen dann nicht, was ihr deutsches Gegenüber meint.
Zwei Beispiele "aus freier Wildbahn", wo das entscheidende Modalverb fehlt:
-- of zou ik beter “mooi” zeggen, statt: of zou ik beter mooi kunnen zeggen
-- ik zou de volgende keer meedoen, statt: ik zou de volgende keer willen meedoen.
Ik zou de volgende keer meedoen bedeutet im Niederländischen:
a) Ich hätte beim nächsten Mal mitmachen wollen (aber es ist etwas dazwischen gekommen). Ein Irrealis also. Oder:
b) Ich würde bei einem -- hypothetischen -- nächsten Mal mitmachen. Es ging in dieser Situation jedoch um ein konkret geplantes Treffen. Bei konkreten Vorhaben kann man im Niederländischen ganz prima "zullen" statt "zouden" verwenden: Ik zal er de volgende keer bij zijn.
Das Mulitimodalverb gibt es also nicht.
Zou – eine Mühe, die sich lohnt
Die Verwendung von zou im Niederländischen ist gewöhnungsbedürftig und braucht etwas Übung, bevor sie in Fleisch und Blut übergegangen ist. Hat man den Aufbau des niederländischen Konjunktivs II einmal verstanden, eröffnen sich dadurch wortwörtlich enorme Möglichkeiten.
Zurück zur Ausgangsfrage: Fallafelbällchen oder Donuts?
Waarom zou je moeten kiezen? Ik zou ze allebei nemen. Eerst de balletje en dan de donuts als toetje.
Mehr zum Thema niederländische Modalverben findest du auch im buurtaal-Archiv:




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