Über die niederländische Sprache existieren in Deutschland viele Missverständnisse. Wie schwer oder leicht ist Niederländisch nun wirklich, wenn man Deutsch als Muttersprache hat?
Schwestern
Niederländisch und Deutsch sind eng miteinander verwandt. Die beiden Sprachen sind wie Schwestern, die nach der Pubertät ihre eigenen Wege gegangen sind. Man sieht ihnen die Verwandtschaft an, aber während die eine Schwester nach dem Abitur Jura studiert, Karriere gemacht hat und in der Großstadt lebt, ist die andere um die Welt gereist, hat jung geheiratet und betreibt mit ihrem Partner einen Biohof irgendwo auf dem Land. Die beiden haben sich ein bisschen auseinandergelebt, verstehen sich aber noch gut.
Und so fängt man tatsächlich mit einem Vorsprung an, wenn man mit Deutsch als Muttersprache Niederländisch lernen möchte.
Was macht Niederländisch relativ leicht zu erlernen für Deutsche?
Der Satzbau
Deutsche, die Niederländisch lernen möchten, haben Menschen aus Spanien, Türkei, China oder Schweden gegenüber zwei große Vorteile. Zum einen ähnelt der niederländische Satzbau dem des Deutschen sehr. So sehr sogar, dass viele Deutsche unwillkürlich englisch anmutende Satzkonstruktionen bilden, um einen Hauch von Fremdsprache reinzubringen. Aber warum sollte man es sich schwer machen, wenn das gar nicht notwendig ist?
DE: Ich stehe morgen um halb sechs auf.
NL: Ik sta morgen om half zes op.
EN: Tomorrow I will get up at half past five.
DE: Übermorgen kann ich ausschlafen.
NL: Overmorgen kan ik uitslapen.
EN: The day after tomorrow I will be able to sleep late.
Der Wortschatz
Durch die gemeinsamen Wurzeln haben das Deutsche und das Niederländische auch sehr viele Ähnlichkeiten im Wortschatz. Komplett “geschenkte” Wörter (wenn man von der Groß-Kleinschreibung absieht) sind zum Beispiel
arm, papier, tante, regen, wind, angst, pech, vogel und macht.
Bei tomaat, stad, baardhaar, hond und appel ist auf Anhieb klar, was sie bedeuten.
Diese Ähnlichkeit gibt es natürlich nicht nur bei Substantiven: denken, blasen, telefoneren, confronteren, stoppen, morgen, in, enig oder verkeerd werden deutsche Muttersprachler:innen mühelos verstehen.
Die weitgehende Ähnlichkeit birgt auch Tücken. Gerade zwischen eng verwandten Sprachen wie dem Niederländischen und dem Deutschen muss man immer vor sogenannten falschen Freunden auf der Hut sein. Es sind Wörter, die ähnlich oder sogar gleich aussehen, aber etwas ganz anderes bedeuten.
Grammatik
Niederländer:innen, die Deutsch lernen, schimpfen oft auf die Grammatik und vor allem auf die Fälle. Sie kennen die deutschen Wörter, aber sie brauchen lange, bis Genitiv, Dativ und Akkusativ und die damit einhergehenden Beugungen und Deklinationen in Fleisch und Blut übergegangen sind.
Das ist frustrierend, denn erst wenn das klappt, spricht man die Sprache fließend. Nicht alle haben dazu die Geduld.
Umgekehrt haben Deutsche es beim Niederländisch-Lernen einfacher: Die Grammatik ist recht logisch aufgebaut und hat Regeln, auf die man sich verlassen kann, ohne sich vor einer einschüchternden Reihe von Ausnahmen fürchten zu müssen.
Die Rechtschreibung
Die niederländische Rechtschreibung ist im Vergleich zur deutschen systematischer. Das bietet Halt und hilft auch bei der Aussprache. Wie man etwas schreibt und wie man es spricht, hängt im Niederländischen enger zusammen als im Deutschen. Wer das System einmal durchblickt hat, wird fortan grundsätzlich wissen, wie ein niederländisches Wort geschrieben oder ausgesprochen wird.
Welche Dinge sind nicht ganz so einfach?
Natürlich gibt es im Niederländischen auch Dinge, die sich einem nicht so einfach erschließen und die man nicht mit Hilfe von Regeln lernen kann. Vieles erfordert auch einfach Übung.
Die Aussprache
Die niederländische Aussprache an sich kann für Deutsche eine Herausforderung sein. Eine allerdings, die sich durchaus meistern lässt, wenn man um ein paar Besonderheiten weiß.
Am schwierigsten dürfte für viele der Doppellaut ui sein, den es so im Deutschen nicht gibt. Als Anhaltspunkt kann man sich das “ui” als eine Vokal-Aneinanderreihung vorstellen: äöüi.
Eu und oe kennt man im Niederländischen auch. Nur werden sie dort anders gesprochen, ebenso wie zum Beispiel das "u".
Sowieso sollte man die niederländischen Vokale nicht zu sehr auf die leichte Schulter nehmen. Genauso wie im Deutschen haben die niederländischen Vokale eine lange und kurze Variante. Für Nicht-Niederländer – auch für Deutsche – ist der Unterschied oft schwer zu hören. Er ist aber extrem wichtig, denn oft geht er mit einem Bedeutungsunterschied einher.
R und L
Und wußtest du, dass man in den Niederlanden mindestens fünf verschiedene Varianten des "r" hat? Das Schöne: Mit einen stinknormalen deutschen "r" kann man sich prima verständlich machen.
Das niederländische L hingegen erfordert aus deutscher Sicht eine Umgewöhnung.
Sorry, aber wer Niederländisch für eine Halskrankheit hält, sucht bloß eine Ausrede, die Sprache nicht sprechen zu müssen. Wer nämlich kein hartes, kehliges “g” über die Lippen bringt, muss das im Niederländischen gar nicht tun. Alles, was man für ein überzeugendes niederländische “g” benötigt, ist ein “ch”-Laut, wie er im deutschen Wort Dach erklingt.
Das schaffst du.
Die Artikulation
Niederländer:innen artikulieren anders als Deutsche. So ist es im Niederländischen oft schwer zu erkennen, wo das eine Wort endet und das nächste anfängt.
Bildhaftigkeit
Der üppige Gebrauch von Redewendungen und Ausdrücken im Niederländischen – auch in der Schriftsprache – stellt Nicht-Muttersprachler häufig vor Rätsel. Wer mit seiner Nase in die Butter fällt, hat im Niederländischen zum Beispiel Glück. Und wer etwas sitzen sieht, findet etwas gut.
- met je neus in de boter vallen – Schwein haben
- dat zie ik wel zitten – das kann ich mir sehr gut vorstellen
Ironie-Alarm
Noch etwas, auf das man ein Auge haben sollte, ist Ironie. Niederländer lieben dieses Stilmittel und sagen deshalb gern genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich meinen.
Aktiv vs. Passiv
Die Unterschiede zwischen der niederländischen Schriftsprache und der gesprochenen Sprache sind deutlich kleiner als im Deutschen. Niederländer:innen mögen es auch gerne aktiv. Von substantivierten Verben und ausgeklügelten Passivkonstruktionen halten sie nicht viel. Die klingen in niederländischen Ohren schnell unnatürlich und gestelzt.
Fazit
Deutsche, die Niederländisch lernen, haben durch die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Sprachen schnelle Erfolgserlebnisse. Bevor man die Feinheiten beherrscht, vergeht jedoch – wie beim Erlernen jeder Fremdsprache – Zeit.
Dies ist eine überarbeitete und aktualisierte Fassung eines Artikels, der ursprünglich als Zweiteiler auf der Website der deutsch-niederländischen Plattform AHA24x7 erschienen ist.
