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Ein Rätsel der deutschen Sprache: warum bedankt man sich?

Wenn ich im Deutschen jemandem höflich danken möchte, sage ich, je nachdem, ob ich die Person duze oder sieze:

herzlichen Dank für deine Hilfe

oder

ich danke Ihnen für Ihre Hilfe


Bei deutschen Muttersprachler:innen höre ich jedoch oft Sätze wie

ich bedanke mich für das nette Gespräch

Das wundert mich als Sprachmensch, denn warum nutzt man hier sich?

Reflexivpronomen: ich mich, du dich

Sich bezieht sich als sogenanntes Reflexivpronomen immer auf das Subjekt des Satzes und bedeutet im Prinzip sich selbst. Reflexivpronomen stehen zudem normalerweise im Akkusativ: Ich mich, du dich, sie sich, wir uns, ihr euch und sie wiederum sich.

Leicht nachvollziehbar ist das zum Beispiel bei sich freuen, sich schämen oder sich verschlucken:

  • ich freue mich
  • er verschluckt sich
  • ihr solltet euch schämen

Sonderfall sich bedanken

Bei sich bedanken ist sich aber nicht identisch mit dem Subjekt des Satzes. Man spricht ja nicht sich selbst seinen Dank aus, sondern einer anderen Person.

Kniefall

Woher kommt dieses Konstrukt? Ist es historisch gewachsen und kommt es aus einer Zeit, in der man sich höflich oder ehrerbietig vor jemand anderem verbeugte oder verneigte, um Dankbarkeit zu zeigen oder sie auszusprechen? Ist sich bedanken bei jemandem also eigentlich aus einer Art Kniefall entstanden?

Eine wirkliche Antwort habe ich leider nicht finden können. Als mich buurtaal-Leser Reinier letztens auch auf dieses Thema ansprach, entsprang jedoch spontan das folgende Gedicht aus dieser Frage.

Sich bedanken? Dafür bedanke ich mich.

Ich wasche mich, und du wäschst dich
Wir waschen uns, ganz regulär
Mit Seife und ’nem Reflexiv

Ich gräme mich, du wunderst dich
Er ziert sich, sie entscheidet sich
Ganz sicher für ein Reflexiv

Und wenn wir uns zusammentun
Wir uns sehen, lieben, küssen
Dann ist das zwar kein Reflexiv
Doch unser Liebesdialog
Ist immerhin sehr reziprok

Wo wir uns treffen und vergnügen
In wechselseitigen Höhenflügen
Uns permissiv dem Schicksal fügen
Dort wälzen wir uns fast lasziv
In Reziprok und Reflexiv

Ich bücke mich, und du duckst dich
Wir täuschen uns, ich irre mich
Doch niemals in dem Reflexiv

Und wir bedanken uns – na klar
Dann dankst du mir und ich dank‘ dir
Ja, reziprok passt wunderbar

ABER

Mich selbst bedanken? Sehr ungern
Von Eigenlob halt‘ ich mich fern
Jemandem danken geht auch so
Verzicht auf be– und mit Dativ
Und gänzlich ohne Reflexiv


4 Kommentare

  1. Zum Thema „Reflexiv“.
    Die Sonderheiten der eigenen Regionalsprache erkennt man ja meist erst, wenn man woanders wohnt und darauf hingewiesen wird.
    Ich bin im Münsterland aufgewachsen und da nutzt man sehr viele Verben reflexiv: „Ich esse mir einen Apfel.“ (Ja, wem denn sonst?)

    • Ich esse mir einen Apfel.

      Spannend, Christine. Diesen regionalen Gebrauch des Reflexivs kannte ich noch nicht.

  2. Tine Tine

    spannend! Ich weiß auch keine Antwort.
    Aber noch seltsamer ist es bei: ich entschuldige mich
    Das ist noch unlogischer, denn wenn ich Schuld habe, dann kann ich ja nur um Entschuldigung bitten, ich kann mich ja nicht selbst entschuldigen.

    Wir scheinen hier ein Land von Heimwerkern zu sein: Do it yourself nicht nur beim Basteln sondern auch beim Danken und Ent-Schulden

    • Alex Alex

      Hi Tine, stimmt! Und auch im Niederländischen heißt es: zich verontschuldigen. Ich gehe dem mal hinterher ️‍♀️

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