Es ist Mittwochnachmittag. Mein Stiefvater ist in der Hochschule, meine Mutter steht auf dem Tennisplatz, meine Schwestern spielen bei Freundinnen. Ich habe schulfrei und liege mit einem Buch über Monsterspinnen auf dem Sofa. Auf dem Beistelltisch liegt eine Tüte zwart-wit-pastilles, in die ich regelmäßig hineingreife.
Nur für mich. Himmel auf Erden.
Auch heutzutage kommt mir diese Kindheitserinnerung oft in den Sinn, wenn ich Lakritz esse. Aber auch, wenn ich in einer dieser sprichwörtlichen ruhigen Minuten in ein Buch abtauche. Die Tüte mit eigenem Taschengeld gekochte drop verbinde ich mit einer kleinen Insel Zeit ganz für mich alleine.
Die Niederländer sind Lakritz-Esser
Die Niederländer sind drop-eters . Pro Jahr essen niederländische Erwachsene rund 1,75 Kilo Lakritz. Zum Lakritz-Konsum in Deutschland habe ich keine verlässlichen Zahlen finden können, er dürfte jedoch deutlich bescheidener ausfallen.
Auch ich esse inzwischen deutlich weniger drop als in meiner Kindheit. Das hat aber wenig mit Lakritz an sich zu tun, als mit der Tatsache, dass ich im Laufe der Jahre generell immer weniger zu Süßigkeiten greife.
Heimatgefühle
Nichtsdestotrotz nehme ich bei meinen Besuchen in die Heimat regelmäßig eine Tüte drop mit zurück nach Hannover. Und damit bin ich nicht allein, so geht es aus einer Untersuchung der Nederlandse Taalunie nach Sprache, Kultur und Identität ausgewanderter Niederländer und Flamen hervor. Lakritz gehört offensichtlich – genauso wie kroketten, stamppot und speculaas – irgendwie zur niederländischen Identität.

Süßes und salziges Lakritz
Obwohl es in den Niederlanden dutzende unterschiedliche Sorten drop gibt (eine Website listet sogar 400 Varietäten), lassen sie sich alle grob in süß und salzig unterteilen. Süßes Lakritz heißt auf Niederländisch zoete drop und die salzigen Varianten zoute drop.
Dubbelzout und driedubbelzout
Neben dem herkömmlichen zoute drop gibt es in den Niederlanden die Varianten dubbelzout und sogar driedubbelzout. Doppelt so viel Salz und dreifach so viel Salz sind allerdings auch unter meinen Landsleuten eher etwas für hartgesottene drop-fans.
Warum heißt Lakritz auf Niederländisch drop?
Die Deutschen sagen Lakritz, die Engländer nennen die Süßigkeit Liquorice. Die beiden Schwestersprachen des Niederländischen orientieren sich bei der Namensgebung am spätlateinischen Wort liquiritia. Das wiederum geht auf das altgriechische glykyrrhizazurück: süße Wurzel. Die botanische Bezeichnung der Süßholzpflanze ist Glycyrrhiza glabra.
Im Niederländischen war es nicht die Pflanze, die Namenspate war, sondern das mittelniederländische Wort drop: Tropfen. Es stand hier für einen Tropfen Süßholzextrakt: die für den Lakritzgeschmack so kennzeichnende Zutat. In erster Linie galt der Extrakt als Medikament, er linderte nämlich Husten.
Ein Tropfen Süßholzextrakt
Als eine Art Pars pro Toto etablierte sich drop im Niederländischen auch als Bezeichnung für aus Süßholzextrakt-Tropfen hergestellte Erzeugnisse. Bereits in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts aß man drop auch zum Vergnügen, also nicht mehr nur gegen Halsbeschwerden.
Drop und dropje sind nicht das Gleiche
Wähernd drop im Niederländischen die Süßigkeit als solche bezeichnet, meint man mit der Verkleinerungsform dropje ein einzelnes Exemplar. Gleiches gilt für chocola und snoep, die als unzählbare Substantive eine Art Gattungsbezeichnung darstellen.
| de drop | das/der Lakritz |
| het dropje | das/der Lakritz |
| twee dropjes | zwei Lakritze |
| een zak drop | eine Tüte Lakritz |
| ik houd van drop | ich mag Lakritz |
| ik houd niet van drop | ich mag kein Lakritz/keine Lakritze |
Deutsches Erwachsenenlakritz
Der salzige Geschmack von Lakritz rührt übrigens nicht (oder zumindest nicht hauptsächlich) vom herkömmlichen Speisesalz her, sondern vom darin enthaltenen Salmiaksalz. Da dieses Mineral gesundheitlich nicht ganz unbedenklich ist, müssen Hersteller in Deutschland deshalb auf der Verpackung den Warnhinweis „Erwachsenenlakritz – kein Kinderlakritz“ anbringen.
Nur gut, dass ich meine Kindheit nicht in Deutschland verbracht habe, denn da wäre ich um eine schöne Erinnerung ärmer.
Interessanterweise enthält süßes Lakritz mehr Salz als salziges Lakritz, nämlich ungefähr 200 mg im Vergleich zu 150 mg pro 100 Gramm drop. Zoete drop enthält – wenig überrasschend – mehr Zucker, und der übertönt den Salzgeschmack.
Salmiaksalz
Salmiaksalz (Ammoniumchlorid (NH4Cl) kann in größeren Mengen zu Übelkeit, Erbrechen oder Schlimmerem führen. Bis 2013 war und seit 2021 ist Lakritz mit mehr als 20 Gramm Salmiaksalz pro Kilogramm in Deutschland deswegen kennzeichnungspflichtig.
Glycyrrhizin und Bluthochdruck
Auch Süßholzextrakt hat (inzwischen) medizinisch keinen so guten Ruf (mehr). Es enthält nämlich den natürlichen Süßstoff Glycyrrhizin, der in größeren Mengen zu Bluthochdruck, Wassereinlagerungen im Gewebe und Muskelschwäche führen kann, so das Bundesinstitut für Risikobewertung.
Nicht das Salz in Lakritz kann zu Bluthochdruck führen, sondern das Glycyrrhizin.
Die Menge macht's
Wie bei eigentlich allem im Leben kommt es auf die Dosierung an. Einige wenige Lakritze am Tag dürften für gesunde Personen unbedenklich sein.

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