Wieso ich mir komisch vorkomme, wenn ich meinen Namen auf Deutsch sage

Zuletzt aktualisiert am 5. August 2018

Für Kitty K. und Ingrid G.

Unkenschwund.

Es könnte der Titel eines Krimis sein.

Ich hörte das Wort in einem Dokumentarfilm. So einer, in den man am späten Abend eher zufällig hineinzappt. Der Mensch war mal wieder dabei, irgendwo einen Lebensraum zu zerstören. Ich deklarierte es sofort zum neuen Lieblingswort. Und das, wo ich den Klang „u“ eigentlich überhaupt nicht mag.

Ich hab‘ was mit Wörtern

Nehme ich „Bescheid wissen“ oder „im Bilde sein“, „aufgeschlossen“ oder „empfänglich“? Ich wäge und prüfe Alternativen wie ein Restaurantbesucher zwischen Nudeln und Pizza hin und her überlegt. Aber oft ist die Wahl auch vollkommen klar. Dann muss es die Pizza Tonno sein, oder die Spaghetti Diavolo.

Wörter müssen aber auch gut klingen. Die mit einem „a“ haben bei mir einen Stein im Brett. Lange „a“ sind mir sympathischer als kurze. Die Klänge „ö“ und „u“ finde ich insgeheim ein bisschen eklig. Klebrig.

In Deutschland, dem Land, in dem ich seit einundzwanzig Jahren lebe, wimmelt es vor „u“.

Dumm gelaufen

Klang ist jedoch nicht alles. Es geht auch um Rhythmus. Um Kongruenz. Um Bilder und Assoziationen.

Unkenschwund.

Ich muss mir Wörter zu eigen machen – im Niederländischen, meiner Muttersprache, aber genauso im Deutschen, meiner Adoptivsprache.

Manche fühlen sich auf Anhieb gut an: glimpflich, ungestüm, anschmiegsam, Feierabend. Sie passen wie eine alte Jeans. Sie ist nicht unbedingt hip, aber wahnsinnig bequem.

Andere sind kratzig wie Wollstrumpfhosen. Denen versuche ich, aus dem Weg zu gehen. Sie sind nichtssagend (Nutzererfahrung), setzen ein Weltbild voraus, das nicht meins ist (abmahnfähig, Gefährder) oder sie lassen sich schlecht lesen (latenzarm, Werbeerlös). Manche finde ich auch einfach ordinär (geil).

Fluchen. Auch sowas

Es hat lange gedauert, bevor ich Scheiße sagen konnte. Ein beherztes kut trifft es einfach viel besser.

Was jedoch für mich eine bedeutungslose Phrase ist, davon zuckt meine deutsche Freundin zusammen. Mein Feld-Wald-und-Wiesen-Schimpfwort klingt für sie platt und vulgär. Sie hat gleich ein Bild vor Augen, genauso wie ich beim deutschen Fäkalfluch einen dampfenden Kackhaufen sehe.

Kein kut also, wenn meine Freundin in der Nähe ist. Eine Übung in Selbstbeherrschung.

Ich dachte, Deutsch wäre eine ernste Sprache

Die der Dichter und Denker – und Beamten. Und das ist sie. Auch. Denn neben Fernweh, Weltschmerz, bußgeldpflichtig und Ersatzvornahme stößt man auf Kinkerlitzchen, Firlefanz und Wischiwaschi. Sympathische Puppenhauswörter, die ich gerne nutze.

Vokuhila ist die kleine Schwester von Dracula, bei Tohuwabohu sehe ich einen Indianerhäuptling vor mir und bei Schmarotzer denke ich an eine Räuberhöhle. Azubi: Jemand Lust auf Bohneneintopf?

Man kann es auch übertreiben. Erwachsene Männer heißen hier Ulli und Olli.

Deutsche machen Sachen mit ihrer Zunge, die ich nicht hinbekomme. Jeder Nicht-Muttersprachler, der dreimal hintereinander Frühstückstisch oder Streichholzschachtel fehlerfrei über die Lippen bringt, hat meine tiefste Bewunderung. Ich bleibe beim ersten Anlauf schon stecken wie ein Kinderwagen im Schlamm.

Mit Wörtern, die ich nicht aussprechen kann, habe ich nichts.

Tja, die Aussprache

Zielsicher schießt ein Deutscher seine Worte in die Welt hinein. Jede Silbe ein Treffer. Mit dem angehauchten p, t und k und der Artikulation vorne im Mund klingt Deutsch sehr präzise. Gegenüber dem deutschen Luftgewehr ist Niederländisch ein Paintball-Markierer.

Klatsch.

Aber ich liebe die niederländische Aussprache. Ich mag die dunklen Vokale, mein dickes l und mein Gooise r.

Spreche ich meinen Namen niederländisch aus, mit den kurzen „a“ und dem „l“, das Deutschen nur nach zwei Gläsern Wein gelingt? Das bin ich. Sage ich meinen Namen auf Deutsch? Die Alexandra spielt eine Rolle.

Heimlich finde ich, dass sie etwas affektiert klingt.


Dieser Post ist eine Adaption eines niederländischen Artikels auf buurtaal.nl.

Lieber zuhören als lesen? Von dem niederländischen Blogpost habe ich eine MP3-Version erstellt:


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Geschrieben von alex

Ursprünglich komme ich aus den Niederlanden, seit 1997 ist Deutschland meine Wahlheimat. Hier im Blog findest Du mehr als 400 Artikel über die Unterschiede zwischen der deutschen und der niederländischen Sprache und Kultur.

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  1. Alex, Vokuhila habe ich ja noch nie gehört. Was ist das denn? Könnte ein Name der Sioux-Indianer sein.

    Was das Gooise ‚R‘ angeht, repräsentiert es für mich eher dieses degenerierte amerikanische „Englisch“, gegen das ich eine tiefe Abneigung habe. Bist du dir sicher, daß es wirklich eine niederländische Erfindung ist? Und es ist nicht von den Amis adaptiert?

    Antworten

    1. Hoi Patricia,

      Vokuhila ist eine Frisur: Vorne Kurz Hinten Lang …

      Woher kommt doch diese deutsche Annahme, (die mir so häufig begegnet) dass wir alles aus Amerika importieren? Das Gooise R ist niederländisch. Mehr Infos dazu im verlinkten Artikel.

      Antworten

    2. Henning Sponbiel 20-07-2018 at 13:22

      Degeneration bezüglich der Sprachentwicklung ist ein Begriff, der überhaupt nicht passt. Damnach wäre alles, was nicht Althochdeutsch ist, degenerierte Sprache.

      Antworten

  2. Ja ja, die Zungenbrecher. Es geht mir mit niederländischen Worten auch so. Angefangen mit dem Namen des Amsterdamer Flughafens bis zum Elektrischen Weidezaun, dem „Schrickdraht“.

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  3. Ik lees hier dat Tohuwabohu kennelijk in het Duits is opgenomen als een Duits woord. Ik ken het vanuit mijn belangstelling voor de Bijbel en voor het Bijbels Hebreeuws: het komt voor in het begin van het eerste hoofdstuk van Genesis, waar in vers 2 staat: De aarde nu was woest en ledig (vertaling NBG’51). Dat woest en ledig is de vertaling van tohuwabohu, in het Hebreeuws gaat het tohu (vormloos) wa (en) bohu (leeg).

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  4. Stephan Christensen 20-07-2018 at 17:04

    Liebe Alex, ein wieder einmal wunderbarer Beitrag. Die Sprache, die Lautmalung, der „Style“ – einfach herrlich zu lesen. Hat mir viel Freude gemacht, danke – und weiter so.

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    1. Das freut mich sehr, Stephan. Danke!

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  5. Herbert Meurer 21-07-2018 at 09:11

    Hallo Alex,
    ich bin relativ neu in diesem Forum und musste zwischendurch laut lachen, als ich Deinen letzten Beitrag las. Du gehst mit chirurgischer Präzision sowohl an die beiden Sprachen als auch an die Mentalitäten ihrer Sprechenden heran. Man lernt viel über sich und „die anderen“

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  6. Lucy van Pelt 22-07-2018 at 07:35

    Mir geht es wie Herbert Meurer. Ich bin völlig verblüfft, wie Du die Wörter empfindest. Z.B.“Puppenhauswörter“ – nie wäre ich auf sowas gekommen, aber tatsächlich: das paßt!

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  7. dieser Beitrag ist genial!!!

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  8. Tina Ullner 30-10-2018 at 21:33

    Großartig!
    Ich hab immer noch Tränen in den Augen vom Lachen.
    Jetzt muss ich allerdings immer aufpassen, dass ich nicht kichere wenn ich wieder einen Ulli oder Olli treffe…

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