Die Strand6Daagse für Anfänger

Buurtaal-Leserin Petra nahm an der diesjährigen Strandzesdaagse von Hoek van Holland nach Den Helder teil. Übernachtet wird bei diesem Unterfangen im Zelt und das Gepäck wird von einem Etappenziel zum nächsten transportiert. In diesem Gastbeitrag berichtet sie über das Erlebnis. [ … ]

Zuletzt aktualisiert am 29. Oktober 2014

Magst Du lange Strandwanderungen? Buurtaal-Leserin Petra machte bei der diesjährigen Strandzesdaagse mit. In diesem Gastartikel berichtet sie über das Erlebnis.

Strandwanderer bei der niederländischen Strandzesdaagse

Die Strandzesdaagse (von den Organisatoren Strand6Daagse genannt) ist eine sechstägige Wanderung von Hoek van Holland nach Den Helder, die in der letzten Juliwoche stattfindet. Sie führt, wie der Name schon sagt, in sechs Tagen am niederländischen Strand entlang.

Die Etappenziele sind Wassenaar, Noordwijk, IJmuiden, Egmond aan Zee, Callantsoog und Den Helder. Die Länge der Tagesetappen variiert von 14 bis über 30 Kilometer. Übernachtet wird im Zelt, und das Gepäck wird von einem Etappenziel zum nächsten transportiert.

Nach diversen Radurlauben kamen Peter und ich letzen Sommer auf die Idee, dass man diese Wanderung ja einmal mitmachen könnte, einfach nur, um herauszufinden, ob wir das auch können. Aber wie funktioniert das Ganze eigentlich genau?

Vorbereitung

Erst muss man natürlich eine Teilnahmekarte ergattern. Die Anzahl der Wanderer ist aus organisatorischen Gründen auf 1000 begrenzt, und die Karten sind begeht. Man muss also rechtzeitig per Mail ein Formular beantragen, das an einem bestimmten Stichtag im November mit der Post verschickt wird. Die ersten 1000 Leute, die das ausfüllte Formular zurückgeschickt und das Startgeld (160 Euro pro Person) überwiesen haben, erhalten eine Karte. Wer zu spät kommt, wird auf eine Warteliste gesetzt.

Zum Glück bekamen wir unsere Zusage sofort, und dann ging es ans Trainieren, denn 30 Kilometer läuft man nicht so aus dem Stand. Also unternahmen wir an den Wochenenden zahlreiche Wanderungen in die Umgebung und lernten so diverse nette Restaurants kennen. Da wir jedoch in Twente und nicht am Meer wohnen, hatten wir wenig Gelegenheit, auf Sand zu laufen. Aber so viel würde das wohl nicht ausmachen, dachten wir.

Das Wandern ist des Müllers Lust

Strand6daagse Fähnchen und TeilnehmerkarteAm 21. Juli war es dann soweit. Wir waren schon zwei Tage vorher angereist, um uns einzustimmen, und beobachteten, wie der Campingplatz in Hoek van Holland immer voller wurde. Als wir zum „Jagershuis“, dem offiziellen Startpunkt, aufbrachen, sahen wir eine lange Schlange am Ausgang des Campingplatzes, die auf den Transport zum Startpunkt wartete. Wir stellten uns an und ließen uns ebenfalls per Sammeltaxi chauffieren. Laufen würden wir ja noch genug.

Am Startpunkt folgten wir dem Beispiel der anderen und legten unser Gepäck auf den Haufen bei den bereitstehenden Lastwägen. Dann reihten wir uns wieder in eine Schlange ein, legten unsere Teilnahmekarten vor und erhielten ein schickes gelbes Armband mit Logo, ein ebensolches Fähnchen, das wir am Rucksack befestigten, und einen Zettel mit der Routebeschreibung und anderen nützlichen Informationen.

Und los!

Nach einer kleinen Stärkung mit Kaffee und Brötchen trabten wir los zum Strand. Vor uns marschierte schon ein langes Band von Wanderern, deren Fähnchen fröhlich im Wind flatterten, und hinter uns ging es ebenso weiter.

Die Route ist an sich recht einfach: Man läuft an der Wasserlinie entlang bis zu einer bestimmten Stelle, an der man den Strand wieder verlässt und sich auf die Suche nach dem Übernachtungsplatz macht. Da diese jedes Jahr dieselben sind, hängt man sich am Besten an einen Veteranen, der schon öfter gelaufen ist (erkennbar an der größeren Anzahl Fähnchen am Rucksack) und hofft, dass er den direkten Weg dorthin nimmt.

Tückisch

Das Laufen auf dem Sand hat jedoch so seine Tücken. Morgens, wenn sich das Wasser zurückzieht, ist der Strand meistens wunderbar hart und bereitet keine großen Schwierigkeiten. Aber wenn die Flut kommt, ist das Laufen an der Wasserlinie schwierig, da einem das Wasser ständig über die Füße schwappt. Und das Gehen auf trockenem Sand ist unglaublich mühsam.

Hin und wieder gingen wir ein Stück barfuß. Dann jedoch ist es ratsam, die Füße, die Ähnlichkeit mit panierten Schnitzeln haben, gut zu entsanden, bevor man die Schuhe wieder anzieht. Hat man nämlich erst einmal aufgeriebene Stellen, Blasen oder andere Verletzungen (wie ich einen Schnitt im großen Zeh nach unerwünschtem Kontakt mit einem Zelthering), dann heilen sie durch die tägliche intensive Beanspruchung nur schlecht, wenn sie nicht gar schlimmer werden.

Schräglage

Ein weiteres nicht zu unterschätzendes Problem ist, dass der Strand zur See hin abfällt, und da wir nach Norden gingen, liefen wir mit dem rechten Bein immer ein bisschen höher als mit dem linken. Dies nahm mir mein rechtes Bein an den letzten zwei Tagen recht übel und ich kam mit einem etwas unförmigen Klumpfuß nach Hause. Andere Leute klagten über Knie- und Hüftschmerzen. Und so wurde am Ende die Gruppe, die die etwas längere Dünenvariante wählte, immer größer.

Dies hört sich jetzt vielleicht an, als ob die ganze Wanderung ein einziges Jammertal war, aber nichts ist weniger wahr: Erstens ist die Nordsee in ihrer ganzen Schönheit und Faszination unser ständiger Begleiter. Man sieht den Verlauf der Gezeiten und die Veränderungen des Strandes, die Möwen, die sich versammeln, wenn sich das Wasser zurückzieht, um dann die zurückgelassenen Krabben, Muscheln und anderes Getier zu verzehren, vorbeiziehende Schiffe und das Spiel des Sonnenlichts auf den Wellen.

Wetter

Außerdem war das Wetter meistens gut. Das Laufen machte Spaß, auch wenn ich immer wieder an meine Grenzen stieß, und wir kamen immer wieder ins Gespräch mit netten Leuten, so dass die Zeit schnell verging. Die Gesprächsthemen sind etwas anders als im normalen Alltag: „Wie geht es heute?“ – „Ganz gut.“ – „Läufst du zum erstem Mal?“ – „Ja.“ – „Ich zum dritten Mal. Der Sand ist heute gut, nicht wahr?“ – „Ja, sehr gut, kein Vergleich zu gestern Nachmittag.“

Hin und wieder passierten wir ein Stück Nacktbadestrand, aber zum Glück durften wir die Kleider anlassen, sonst wäre das Ganze etwas sehr zeitraubend geworden. Und nachmittags mussten wir uns an beliebten Badestränden wie Noordwijk oder Egmond aan Zee oft vorsichtig einen Weg um Sandburgen, Liegestühle und Badehandtücher bahnen. Aber der niederländische Strand gehört eben allen, und das ist auch gut so.

Gute Organisation ist alles

1000 Leute, die in sechs Tagen 140 Kilometer über den Strand marschieren, so etwas will gut organisiert sein. Wie erhalten die Teilnehmer alle nötigen Informationen? Wie kriegt man alles zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort? Wie werden die Organisatoren über alles Notwendige informiert? Während der Wanderung erhielten wir nach und nach Einblick in diese Dinge.

Im Prinzip gehen die Organisatoren davon aus, dass sie es mit erwachsenen Menschen zu tun haben. Die Regeln sind also recht übersichtlich und können grob so zusammengefasst werden:

  • Jeder läuft auf eigene Verantwortung und muss selbst wissen, was er sich zumuten kann.
  • Den Anweisungen der Organisatoren ist unbedingt Folge zu leisten.
  • Wer Ärger macht, kann heimfahren.

Zeltplatz Strand6daagse Niederlande

Gut gebettet

Übernachtet wird im mitgebrachten Zelt auf den Fußballfeldern der örtlichen Sportvereine (Ausnahme: Ferienpark Duinrell in Wassenaar). Diese stellen auch ihre sanitären Anlagen zur Verfügung. Wie man sich vorstellen kann, ist die Rasenqualität der Fußballfelder hervorragend – dickes, weiches Gras und keinerlei Wurzeln oder Steine, die sich durch die Isomatte hindurch bemerkbar machen. Selten habe ich im Zelt so gut geschlafen!

An die sanitären Anlagen darf man allerdings keine allzu hohen Ansprüche stellen, da die Anzahl der Duschen und Toiletten in den Vereinsheimen nicht für so viele Menschen gedacht ist. Längeres Anstehen und gelegentlich etwas erfrischendere Wassertemperaturen muss man also in Kauf nehmen. Was die Toiletten betrifft, hieß es oft: Ich gehe jetzt nach Dixiland. Und dass die zahlreichen Zelte sehr nah zusammen stehen, darf einen auch nicht stören.

Keine Schlepperei

Die Zelte muss man auf der Wanderung allerdings nicht selbst mitschleppen, das Gepäck wird in vier Lastwagen von einem Etappenziel zum nächsten transportiert. Es sollte wasserdicht verpackt und mit einem Farbband gekennzeichnet sein, so dass man weiß, ob sich der Rucksack auf dem roten, blauen oder weißen Haufen befindet. Trotzdem ist es am Zielort immer eine Herausforderung, seine Habseligkeiten zu finden. Verlorengegangen ist meines Wissens aber nie etwas.

Da das Gepäck in zwei Ladungen transportiert wird und wir nicht gerade zu den Frühaufstehern gehören, kam es gelegentlich vor, dass wir vor den Lkws am Etappenziel ankamen. Dann mussten wir ungefähr eine halbe Stunde warten und konnten uns das Spektakel des Ausladens zu Gemüte führen. Morgens legt man sein Gepäck wieder an dieselbe Stelle und läuft los.

Strandzesdaagse Niederlande – das versammelte Gepäck der Teuknehmer

Das Gepäck der Teilnehmer der Strandzesdaagse

Proviant

Zwei Mal täglich, vor dem Frühstück und dem Abendessen, mussten wir unsere Karte entwerten lassen und konnten dann das Essen abholen. Morgens gibt es ein Frühstücks- und ein Lunchpaket: belegte Brote nebst Kaffee, Tee, Obst, Saft und Keksen. Außerdem erhält man die Routenbeschreibung und die Ankündigungen für den Tag.

Das Abendessen ist eine traditionell niederländische warme Mahlzeit aus Fleisch, Kartoffeln und Gemüse mit einer Orange als Nachtisch. Vor der Essensausgabe steht auch der Ständer mit den Ankündigungen für den nächsten Tag: Wetter, Frühstückszeit und Besonderheiten.

An den ersten zwei Tagen hatten Peter und ich noch fröhlich spekuliert, was es diesmal wohl geben würde, doch die Veteranen verdarben uns bald den Ratespaß: Das Menü ist jedes Jahr dasselbe. Der Kaffee und die warmen Mahlzeiten werden in Den Helder zubereitet und dann mit dem Lastwagen zum jeweiligen Zielort gebracht. Sie waren also jeden Tag ein bisschen wärmer. Aber geschmeckt hat es immer!

Massage

Jeden Tag ab 14 Uhr ist das Sanitätsteam in einem eigenen Zelt auf dem Platz, und sie können sich selten über zu wenig Arbeit beklagen. Das Wort pleisterplaats (Rastplatz), wie die Etappenziele auf der Website der Stand6daagse genannt werden, ist hier sehr wörtlich zu nehmen (pleister = Pflaster).

Doch man trägt seine Pflaster, Tapes und Bandagen mit einem gewissen Stolz, man hat sie sich schwer erarbeitet. Außerdem bieten drei Sportmasseure ihre Dienste an, von denen ich zwei Mal dankbar Gebrauch machte. Der Held der Fußkranken war dieses Jahr ein gewisser Jean-Pierre, der in einem Zelt mit belgischer Flagge übernachtete und dort zahlreiche kleinere Verletzungen behandelte. Ich habe ihn nicht persönlich kennengelernt, doch sein Name wurde regelmäßig mit einer gewissen Ehrfurcht ausgesprochen.

Buschfunk

Erwähnenswert ist sicher noch der Buschfunk, der hervorragend funktioniert. Im Vorfeld hatten wir als Erstläufer uns zwar Sorgen gemacht, dass wir wichtige Informationen verpassen würden, doch das war völlig unbegründet. Hat man erst einmal eine der begehrten 1000 Teilnehmerkarten erhalten, bekommt man alle notwendigen Informationen per Mail und muss nur rechtzeitig am Startpunkt sein. Dann regelt sich alles praktisch von selbst.

Im Laufe der Wanderung stellten wir fest, dass man sich am Besten immer anstellt, wenn sich irgendwo eine Schlange formt. Dann gibt es entweder etwas zu essen, oder man bekommt Informationen. Und es ist immer jemand in der Nähe, der Bescheid weiß.

Ich bin jedenfalls sehr beeindruckt, wie toll alles funktioniert, und ziehe meinen Sonnenhut vor der Organisation und allen freiwilligen Helfern, die uns dieses Erlebnis ermöglichten.

Geschafft

Es war ein tolles Erlebnis, auch wenn es manchmal sehr anstrengend war. Man ist Teil eines großen Ganzen, das meist wie ein Uhrwerk funktioniert. Auch wenn man manchmal das Gefühl hat, sich allein durch Sand, Wind und Wetter kämpfen zu müssen, ist doch immer wieder jemand in der Nähe, der einen wieder aufmuntert.

Die lokale Bevölkerung ist sehr freundlich und unterstützt die Wanderer gerne. So brachten uns die Jungs von der Rettungsbrigade Heemskerk extra einen Stuhl, als wir fragten, ob wir auf ihrer Treppe unsere Pflaster erneuern durften. Bei Schoorl verteilte ein netter Herr Süßigkeiten und wünschte jedem viel Erfolg, und kurz vor Den Helder rief mir eine Joggerin zu: „Gut gemacht! Jetzt ist es nicht mehr weit!“ Und tatsächlich, wir schafften es und nahmen stolz unser Gläschen mit Sand in Empfang.

Vielleicht laufen wir die Route irgendwann noch einmal, aber sicher nicht gleich nächstes Jahr. Denn im Herzen sind und bleiben wir doch Radfahrer.

Wer sich noch das ausführliche Tagebuch mit allen Pleiten, Pannen und Peinlichkeiten zu Gemüte führen möchte, ist herzlich eingeladen, mein Blog grenzwanderer.wordpress.com zu besuchen.

Alle Bilder in diesem Beitrag sind von Petra.

Ebenfalls von Petra, hier auf buurtaal, ist der Gastbeitrag Sparsamkeit und Sammelwut


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Geschrieben von alex

Ursprünglich komme ich aus den Niederlanden, seit 1997 ist Deutschland meine Wahlheimat. Hier im Blog findest Du fast 400 Artikel über die Unterschiede zwischen der deutschen und der niederländischen Sprache und Kultur.

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  1. Schöner Beitrag und – gratuliere zum Erfolg!

    Antworten

    1. Wäre das auch etwas für Dich, Katrin?

      Antworten

    2. Vielen Dank, Katrin.

      Antworten

  2. Ich habe 1995 bei der Vierdaagse von Nijmegen mitgemacht und weiß daher, wie wichtig eine gute Vorbereitung ist.

    Dass mit der permanenten „Schräglage“ beim Gehen hätte ich auch nicht bedacht. Das ist bestimmt anstrengend gewesen.

    Antworten

    1. Toll. Die Vierdaagse ist ja der absolute Härtetest. Die werde ich sicher nicht laufen. Mir haben die ca. 30 km an manchen Tagen schon gereicht.
      Gelesen hatten wir das mit der Schräglage zwar, aber ich dachte, dass das schon „meevallen“ würde. Niet dus. ;)

      Antworten

  3. Frau Vorgarten 20-08-2014 at 16:17

    Petra!
    Meinen Respekt!!

    Antworten