Rad fahren ist eine ernste Angelegenheit

Zuletzt aktualisiert am 19. Juli 2018

Rad fahren ist eine ernste Angelegenheit.

Selbstverständlich?

Keineswegs.

Seit April radele ich wieder locker 100 km die Woche, den größten Teil davon auf meinem Arbeitsweg. Großartig finde ich es – zumindest die Strecke, die durch den Stadtwald und am örtlichen See entlang führt. Fahrrad fahren in der Stadt ist durch die Sieh-zu-Infrastruktur und die nicht auf fietsers eingestellten anderen Verkehrsteilnehmer nicht unbedingt ein Spaß.

Fahrradfahrer sind keine Fußgänger auf Rädern.

Manchmal habe ich das Gefühl, man wird als Radfahrer als eine Art Fußgänger auf Rädern wahrgenommen. Das Fahrrad als Verkehrsmittel wird in Deutschland immer noch kaum ernst genommen. Interessanterweise gilt das auch für die Radfahrer selbst.

Radeln ist hier immer noch eine Schönwetteraktivität, ein Freizeitvergnügen. Wenn es regnet – oder regnen könnte – fährt man mit den Öffis. Oder mit dem Auto.

In Massen allein auf der Welt

Viele Radfahrer nehmen in Gedanken versunken den ganzen Radweg in Beschlag. Oder das Pedalieren an sich beansprucht so viel Konzentration, dass sie um sich herum nichts mehr wahrnehmen.

Sie läuten einen Richtungswechsel nicht durch ein Handzeichen ein. Schulterblick? Fehlanzeige.

Sie halten plötzlich mitten auf dem Radweg, um auf ihr Handy zu schauen.

Sie stellen sich an Ampelkreuzungen so hin, dass sie auf der Spur der kreuzenden Radfahrer stehen.

Eltern lassen ihr Kind voller Stolz frei über den Radweg radeln – ohne Rücksicht auf Verluste.

Kurz: Viele haben keinen Überblick im Straßenverkehr. Und: Wir Fahrradfahrer achten viel zu wenig aufeinander.

So wird das nichts mit Rad fahren in Deutschland.

Natürlich gibt es auch hierzulande routinierte – und rücksichtsvolle – Radfahrer. Und wenn du zu dieser Gruppe gehörst und mich überheblich findest, dann tut mir das leid. Aber wenn nicht mal wir Radfahrenden uns gegenseitig als Verkehrsteilnehmer ernst nehmen, wie sollen es denn Autofahrer und Fußgänger tun?


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Geschrieben von alex

Ursprünglich komme ich aus den Niederlanden, seit 1997 ist Deutschland meine Wahlheimat. Hier im Blog findest Du mehr als 400 Artikel über die Unterschiede zwischen der deutschen und der niederländischen Sprache und Kultur.

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  1. Alles absolut richtig! Ich finde es auch sehr enttäuschend, wie wenig die Stadt- und Verkehrsplaner für ein gutes Radwegenetz tun. Einige der Probleme, die Du schilderst, hängen direkt damit zusammen. Wenn es mehr, breitere und bessere Radwege gäbe, wäre das ein Vorteil für das radelnde Kind, die Seniorin… eben alle. Es könnten dort dann auch alle Inlineskater, Kickboarder, Skateboarder, Rollstuhlfahrer etc. bequem unterwegs sein. Und ich glaube, das Fahrverhalten wäre dann auch weniger angespannt. Im Moment kann sich in Deutschland nur der Todesmutige aufs Fahrrad wagen. Niederlande wäre da ein gutes Vorbild. Und ja, es stimmt, der deutsche Radler ist mehrheitlich im Guerillamodus unterwegs und nimmt wenig Rücksicht auf andere. Die Umstände sind in D leider so, dass man sich behaupten muss. In den NL herrscht da gewisse Anarchie: nach der Schule oder Arbeit zu dritt oder viert nebeneinander radeln, weil man dann besser ratschen kann…und die Autos zuckeln geduldig hinterher…wunderbar!

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    1. Hoi Momo, danke für deine Reaktion. Als „eine gewisse Anarchie“ würde ich die Situation in den Niederlanden nicht bezeichnen. Das Fahrrad – und damit die Radfahrer – hat/haben in meiner Heimat einen ganz anderen Stellenwert und das macht radeln dort viel entspannter und angenehmer.

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      1. Ich habe festgestellt, dass der menschliche Umgang (egal ob Radfahrend, Autofahrend, zu Wasser, zu Lande, im Einkaufsladen, im Restaurant, auf der Autobahn, im Park, zwischen jung und alt, schwarz oder weiß, als Familie oder Paar, allein oder single etc….) generell viel entspannter, freundlicher und rücksichtsvoller ist als in Deutschland. Das zeigt sich natürlich auch beim Radfahren. Es liegen da trotz Deutsch-Niederländischer-Nachbarschaft Welten zwischen den mobilen Mentalitäten. Wir deutschen können in der Hinsicht noch viel von den Niederländern lernen, auch bezüglich des Radfahrens (aber bitte stets mit Helm!!!)

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    2. Lucy van Pelt 03-07-2018 at 12:06

      Na ich weiß nicht, Momo,
      Rollstuhlfahrer auf dem Radweg? Bei der Geschwindigkeit, mit der z.B. ich als Radfahrerin unterwegs sein möchte, wären Rollstuhlfahrer dort gar nicht gut aufgehoben!
      „Todesmutig“ ist wirklich das richtige Wort für Radfahrer in Deutschland. Ich muß immer wieder meine Vorfahrt, sogar meinen Standplatz vor einer roten Ampel, mit Mut und Selbstbewußtsein durchsetzen. Neulich hat mir Letzteren sogar ein Fahrschulauto genommen! Ist einfach, als die Ampel grün wurde, links an mir vorbei rechts um die Ecke gebogen, man stelle sich vor!
      Nein, Radfahrer sind nicht etwa Teilnehmer sondern Störfaktoren im Straßenverkehr. Manchmal ist deswegen der „Guerillamodus“ notwendig, finde ich. Die Alternative wäre nämlich, daß man immer wieder absteigt. Das will ich wirklich nicht.
      Ich fahre also trotz allem Rad! (Selbstverständlich mit Helm.) Gestern in Stuttgart, naja, da war es schon schwierig. Aber an meinem Wohnort geht es ganz gut.

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    3. Ich finde nicht, dass in NL eine Anarchie unter den Fietsern herrscht, ganz im Gegenteil. Dort wird i. d. R. sehr regelgerecht gefahren. Zu zweit nebeneinander ist explizit nach dem RVV 1990 §1 Art.3(2) erlaubt: „Fietsers mogen met zijn tweeën naast elkaar rijden. Dit geldt niet voor snorfietsers.“
      Klar, in den Großstädten wie A`dam etc. werden natürlich auch die Regeln übertreten. Da aber jeder irgendwie Rücksicht auf den anderen Verkehrsteilnehmer nimmt, gibt es nicht die in D häufig vorkommenden Aggressionen.
      In D ist man leider noch nicht mal so weit, zu wissen was man will. Die Radfahrer bekriegen sich verbal, ob separate Radwege oder die dämlichen Fahrradstreifen die Lösung sind. Nicht mal eine einheitliche Farbe für die Radwege/Radfahrstreifen gibt es: mal rot, mal blau, mal grün oder auch grau. Jedes Bundesland, sogar jedes Kaff entscheidet, was es für gut hält. Und der ADFC zitiert immer wieder gerne eine alte Studie aus dem letzten Jahrtausend, welche besagt, dass getrennte Radwege des Teufels sind. Der blödeste Spruch aus deren Mund ist: Fahrräder gehören auf die Fahrbahn, da in beiden Wörtern der Begriff „Fahr“ steckt. Seltsam, dass die Niederländer noch nicht ausgestorben sind, denn die fahren doch alle meist auf vom Autoverkehr getrennten Radwegen, die doch sooo gefährlich sind.

      Es ist immer wieder ein Traum, in NL Fahrrad zu fahren.

      Etwas positives gibt es aber auch über die deutschen Autofahrer zu sagen: In deutschen Städten, wo sehr viel Fahrrad gefahren wird, funktioniert das Miteinander immer besser. Es besteht also Hoffnung für uns Radfahrer!

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      1. Es ist immer wieder ein Traum, in NL Fahrrad zu fahren.

        So erlebe ich das auch, wenn ich mit dem Rad in meiner Heimat unterwegs bin.

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  2. Der wesentliche Aspekt von Alex‘ Post kommt in den Kommentaren zu kurz: Das Radfahrer sich nicht oder zu wenig als Verkehrsteilnehmer sehen, als Fahrzeug-„Führer“ die sie sind und als die sie Verantwortung haben und Regeln unterliegen. Radfahren ist für die meisten so eine Fun Aktivität, die völlig außerhalb der StVO stattfindet, weswegen sie diese auch konsequent mißachten. Das man dadurch für alle anderen völlig unberechenbar wird und in haarsträubendste Situationen gerät, liegt auf der Hand. Die Beispiele erlebe ich (als Rad- oder Autofahrer oder Fußgänger) in der Großstadt täglich mehrfach.

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    1. Man kann sehen, dass jeder andere Aspekte zu diesem Thema als wichtig erachtet. Die von Alex beschworene Solidarität unter Radfahrern finde ich schön. Wobei ich gerne sehen würde, dass sich diese Solidarität in einem gemeinsamen Engagement für eine bessere Radl-(und allgemein auto-alternative) Infrastruktur in Deutschland äußerte. In den NL gingen die Menschen dafür massenhaft auf die Straße. Das sehe ich in D leider nicht. Wir nehmen die Situation einfach hin und lassen unseren Frust an den anderen Verkehrsteilnehmern aus. Ich finde im Übrigen nicht, dass sich Radfahrer in den NL mehr an die StVO halten. Durch das bessere Wegenetz und z.B. intelligente Ampelschaltungen, die Radlern Vorrang gewähren, gibt es aber weniger Konflikte. Wenn die Radwege breit genug sind, kann man ganz bequem an einem Rollstuhlfahrer vorbeifahren. Generell möchte ich für mehr Solidarität und Rücksicht aller Beteiligten im Straßenverkehr plädieren. Auch in NL. Zebrastreifen gelten dort (sowohl für Radler als für Autofahrer) nur als lustige Muster auf der Fahrbahn und rote Ampeln für Radfahrer als schöne Straßenbeleuchtung. Wenn man da als nicht Einheimischer aus Versehen bremst, wird man leicht zum Hindernis für das nachfolgende Peloton. Die autofreie Fortbewegung ist die Zukunft. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass das auch die Politik in D erkennt. Bis dahin möchte ich allen zurufen: Keep calm and keep on cycling!

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      1. Wenn die Radwege breit genug sind, kann man ganz bequem an einem Rollstuhlfahrer vorbeifahren.

        Aber warum sollten sich ein Rollstuhlfahrer und ein Radfahrer sich einen Weg teilen müssen, Momo? Das halte ich für einen großen Denkfehler der deutschen Verkehrsplaner. Mofas dürfen doch auch nicht auf die Autobahn? Es sind einfach ganz unterschiedliche Kategorien Verkehrsteilnehmer.

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        1. Hier erinnere ich mich gerade an einem Bericht im Fernsehen, der über Smartphone-Gehwege in China berichtete. Nun entdecke ich, dass sogar Belien inzwischen nachgelegt hat…
          https://www.handyflash.de/blog/kurioses/gehwege-handynutzer-kollisionen-vermeiden/
          https://www.swr.de/swr2/wissen/smartphone-handy-fussweg-china/-/id=661224/did=14233574/nid=661224/1wajq7d/index.html
          …. Da komme ich ins Grübeln: das Fahrrad gibt es nun schon seit mehr als 200 Jahre, das Auto wurde vor knapp 130 Jahren serienreif, Handys gibt es seit knapp 35 Jahren, Smartphones erst seit 20 oder 15 Jahren, die Massen-Handynutzung jedoch erst seit knapp 7 Jahren… Sprich: man packt das Problem nicht am ältesten Gefahrenherd, sondern richtet sich immer stets an die neumodernen Gefahren. Ergo: zunächst sichere Handygehwege bevor man etwas in der Fahrradinfrastruktur oder PKW-Infrastruktur unternehmen müsste…. Ein Paradoxum, aber scheinbar wird es hingenommen. Sehet und Staunt!!!!

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          1. Hendrik, die Suchtdroge Smartphone ist vom System erwünscht, deshalb wird es hofiert. Auch das Smart Bike ist schon in der Entwicklung, und auch neuere Autos verschicken massenhaft Datenpakete, von denen der Fahrer nichts ahnt (siehe Arte Xenius). Unter fadenscheinigen Vorwänden geht alles in Richtung totaler Kontrolle und totaler Überwachung.

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        2. Na ja, der Rollstuhlfahrer steht für mich stellvertretend für alle Fortbewegungsmittel, die barrierefrei vor sich hinrollen wollen. Elektrische oder nicht. Wenn die Wege breit genug sind, sehe ich da überhaupt kein Problem. In den NL teilen sich auch Brommers und Fietsers einen Weg. Zwei äußerst ungleiche Verkehrsteilnehmer, wie ich finde.

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          1. Brommers (Mofas), also dürfen in den Niederlanden NICHT auf den Radweg, Momo.

            Es gibt in NL extra ausgewiesene, kombinierte fiets-/bromfietspaden. Dort teilen sich beide „Spezies“ den Weg. Innerorts beträgt die Maximumgeschwindigkeit für brommers auf diesen Kombiwegen 30 km/h. Ausserorts 40 km/h.

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            1. Hmm, das mag offiziell so sein. Ich habe da andere Erfahrungen gemacht. Man scheint sich da nicht unbedingt daran zu halten. Zumindest nicht in Den Haag.

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    2. Du hast es auf den Punkt gebracht, Hendrik :)

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      1. Ich denke, diese „Fun-Aktivisten“ können uns „ernsthaften“ Radlern zu Hilfe kommen. Wenn es mehr von Ihnen gibt, müssen die Städte reagieren. Wer möchte, dass weniger Autos die Städte verpesten und verstopfen, muss Alternativen anbieten. Die Zukunft der urbanen Fortbewegung liegt m.E. in der elektromobilen Fortbewegung, und zwar nicht als Auto, sondern e-Räder, e-Scooter (die Tretrollerdinger), Segways, Hoverboards, e-Einräder…In D werden diese noch als Spielzeug betrachtet. Aber eigentlich sind sie Ernst zu nehmende Alternativen für den individuellen, Auto-unabhängigen Stadverkehr. Die deutsche Gesetzgebung (StVO) hinkt da mal wieder hinterher und verbietet viele dieser Geräte auf öffentlichen Straßen. So wie Batterie-betriebene Belechtung und Elektrofahrräder erst einmal verboten waren, bis die Gesetzgebung nachgebessert wurde. Fortschritt kann nicht auf die Gesetzgebung warten. Ich plädiere also für mehr „Fun-Sportler“, weil diese dann auf den Geschmack kommen und andere auf den Geschmack bringen, um letztendlich zu ernsthaften Alternativen im mobilen urbanen Alltag zu werden.

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        1. … e-Räder, e-Scooter (die Tretrollerdinger), Segways, Hoverboards, e-Einräder…

          Das Fahrrad schlägt sie alle, Momo …

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          1. Hängt von den Umständen ab, denke ich. Wenn man keinen sicheren Stellplatz für sein schönes Fahrrad hat, kann man die anderen Dinger wenigstens einfach mit in die Wohnung nehmen. Ich finde die Vielfalt der möglichen Fortbewegungsmittel lustig und wünschte, die Straßenbedingungen würden diese Vielfalt zulassen.

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  3. Nun,

    bei uns wurden bei den letzten Umbauarbeiten der Straße einer dieser Fahrradstreifen eingeführt. Ich erschrecke mich oft, wenn dann ein Auto oder gar LKW oder Bus von hinten anrollt und knapp an einem vorbeifährt. Vor den Umbauarbeiten gab es einen Streifen auf dem Bürgersteig. Der ist nun weggefallen. Da konnte ich mit weniger Problemen fahren. Aber es gibt ja die ganzen Vereine, die sagen, Fahrräder auf die Straße. Und laut offizieller Statistik gibt es wohl weniger Unfälle an den Abbiegekreuzungen. Doch ich kenn schon einige Leute die hingefallen sind, weil sie sich durch anbrausende Autos direkt neben ihnen erschreckt haben.

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