Wer hat’s erfunden? Die Niederländer!

Erfindungen haben in den Niederlanden Tradition. So ist das Land ist die Geburtsstätte von Teleskop und Mikroskop, aber zum Beispiel auch vom aufrollbaren Feuerwehrschlauch und von der Kunstniere. Sogar der Schöpfer des allerersten U-Boots, das in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in England gebaut wurde, war ein Niederländer. [ … ]

Zuletzt aktualisiert am 3. Oktober 2017

In Hannover findet diese Woche die Hannover Messe statt. Die Niederlande sind Partnerland der diesjährigen Auflage der Industrieschau. Den nachstehenden Artikel habe ich für die Computerzeitschrift c’t geschrieben. Dort ist er leicht gekürzt in der aktuellen Ausgabe 19 erschienen.

High Tech „made in Holland“

Die Niederlande als Exportland? Ja, von Käse, Tulpen und Tomaten. Den wenigsten ist bewusst, dass das nordwestliche Nachbarland nicht nur handfeste Güter wie Blumen und Gemüse in die Welt verschifft, sondern auch hochwertige technologische Produkte und Lösungen.

Erfindungen haben in den Niederlanden Tradition. De Gouden Eeuw, das berühmte Goldene Zeitalter, war nicht nur in künstlerischer Hinsicht eine Blütezeit. Wichtige Vorstöße gab es auch in Wirtschaft und Handel, in der Wissenschaft und im militärischen Bereich.

So ist die mittels Kurbelwelle angetriebene Sägemühle eine niederländische Erfindung. Sie kurbelte – im wahrsten Sinne des Wortes – den Schiffbau Anfang des 17. Jahrhunderts an. Nicht unwichtig für ein Land, das bald die Weltmeere erobern sollte. In dieser Zeit – 1606 – wurde von der Verenigde Oost-Indische Compagnie, eine der größten Handelsunternehmungen des 17. und 18. Jahrhunderts, in Amsterdam die allererste Aktie ausgegeben.

Tauchgang in der Themse

Es war auch ein Niederländer, der zwanzig Jahre später das erste Tauchboot vom Stapel ließ. Der Physiker und Mechaniker Cornelis Drebbel konstruierte das Gefährt im Auftrag von König James I von England, der es für die Kriegsführung auf See einzusetzen gedachte. Das U-Boot wurde durch Riemen fortbewegt und konnte laut Überlieferung drei Stunden abtauchen. Das Multitalent Drebbel gilt zudem als Erfinder des Quecksilber-Thermostats.

Die Welt fern …

Auch das erste Teleskop und Mikroskop wurden in den Niederlanden gebaut. Der italienische Astronom Galileo Galilei verbesserte das Model des Hollandse Kijker und nutze es für seine astronomischen Entdeckungen. Und während es Galilei war, der Saturn zum ersten Mal durch ein Teleskop beobachtete, war es wieder ein Niederländer – der Physiker, Astronom und Mathematiker Christiaan Huygens – der die Technik so weit verbesserte, dass er die Ringe um den Planeten als solche erkennen konnte. Nebenbei entdeckte er auch den Mond Titan. Huygens, ein Zeitgenosse von Newton, begründete ferner die Wellentheorie des Lichts und gilt als der Erfinder der Pendeluhr.

… und nah

Der Delfter Antoni van Leeuwenhoek hat zwar nicht selbst das Mikroskop erfunden, spezialisierte sich aber auf den Bau solcher Geräte, die aus einer einzigen, qualitativ hochwertigen Linse bestanden und das Bild fast 500 Mal vergrößern konnten. Damit beobachtete er als Erster Bakterien und stand mit dieser Entdeckung an der Basis der modernen Zell- und Mikrobiologie.

Mit modernsten Elektronenmikroskopen lassen sich heutzutage nicht nur einzelne Atome sondern sogar chemische und biomedische Prozesse auf Atom- und Molekülebene erforschen. Und auch in diesem Bereich der Nanotechnologie gehören niederländische Wissenschaftler zu den Vorreitern. Davon profitiert auch die Halbleiterindustrie – ein anderer Markt, in dem ein kleines Land groß ist. 65 Prozent aller verbauten Mikrochips weltweit entstammen den fotolithografischen Systemen des niederländischen Unternehmens ASML.

Musikgenuss

An der Wiege von ASML wiederum stand unter anderem der Eindhovener Elektronikkonzern Philips, seinerseits (zusammen mit Sony) der Erfinder der Ton- und Bildträgersysteme CD, DVD und Blu-Ray, die heutzutage in fast jedem Haushalt zu finden sind. Auch deren Vorläufer, die altbewährte Audiokassette und der zugehörige Rekorder, kommen aus der Philips-Schmiede.

Fahrrad, Auto, grüne Energie

In kaum einem anderen Land auf der Welt ist die Fahrradinfrastruktur so gut ausgebaut wie im dicht bevölkerten Flachland Niederlande. So gibt es grüne Wellen speziell für Radfahrer und man erprobt gerade ein Konzept mit beheizbaren Radwegen nach dem Wärme-Kälte-Speicherprinzip. Apropos Energiewende: Die niederländischen Ingenieure gehen noch einen Schritt weiter. Das Projekt SolaRoad soll zunächst Radwege, später jedoch ganze Straßen in Stromerzeuger umwandeln. Die Technik dahinter: Betonplatten mit einer Schicht aus Hartglas, unter der Solarzellen montiert sind.

Niederländische Uni-Teams fahren der Konkurrenz davon im World Solar Challenge, dem 3000-km-Rennen für Solarfahrzeuge quer durch Australien. Doch nicht zu schnell: Der von vielen gehasste Blitzkasten ist ebenfalls eine niederländische Erfindung.

„Invented in Holland“ sind auch der Feuerwehrschlauch (1673), die künstliche Niere (rund 1945), der Klappschlittschuh und der Senz, ein praktischer, sturmbeständiger Regenschirm. Und zurück zu den Tomaten: Ein in den Niederlanden entwickeltes Luftbefeuchtungssystem sorgt dafür, dass Obst und Gemüse in deutschen Supermärkten länger frisch und knackig bleiben.

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Geschrieben von alex

Ursprünglich komme ich aus den Niederlanden, seit 1997 ist Deutschland meine Wahlheimat. Hier im Blog findest Du mehr als 400 Artikel über die Unterschiede zwischen der deutschen und der niederländischen Sprache und Kultur.

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  1. Aber das berühmte Kräuterbonbon mit „R“ und „icola“ haben die Niederländer nicht erfunden ;-)

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    1. Das brauchen wir Niederländer auch gar nicht, Francisco. Wir haben ja unseren drop (Lakritz). Hilft gegen alles :-)

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  2. Der Artikel entstammt Deiner Feder, Alex?

    Was ist eigentlich aus Philips geworden? Stehen die noch auf eigenen Beinen? Hier sind ja viele alte namhafte deutsche Firmen in Konkurs gegangen, deren Markennamen (AEG, Telefunken, Grundig …) wurden dann von chinesischen Firmen aufgekauft, die jetzt ihren mit programmiertem Verschleiß versehenen minderwertigen Schrott unter ehemals gutem Namen billig verramschen.

    Wo also fertigt Philips? Noch in Nederland?

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    1. Hi Patricia, ja, den Artikel habe ich geschrieben. (Ich habe die Einleitung gerade etwas umformuliert, damit das klarer wird.)

      Philips gehört mit mehr als 100.000 Mitarbeitern weltweit nach wie vor zu den bedeutendsten Elektronikkonzernen. Das Unternehmen produziert nach wie vor Lampen und Konsumentenelektronik, aber zum Beispiel auch medizinische Geräte.

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      1. Findet da Fertigung auch noch in Europa statt, oder haben die auch alles nach Asien ausgelagert?

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          1. In Eindhoven is sinds kort een Philipsmuseum; heb het enkele maanden geleden bezocht, en vond het leuk, ook jeugdsentiment: allerlei ‚oude‘ Philipsproducten, geplaatst in de context van de tijd, maar ook over wat ze nu doen, onder andere geavanceerde medische apparatuur.

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  3. So ist die mittels Kurbelwelle angetriebene Sägemühle eine niederländische Erfindung. Sie kurbelte – im wahrsten Sinne des Wortes – den Schiffbau Anfang des 17. Jahrhunderts an.

    Ich finde, dass dieser Punkt mal so „nebenbei“ rüberkommt. Tatsächlich war das der erste Schritt zur industriellen Revolution, der anschließend durch die Erfindung der Dampfmaschine usw. Tempo aufnahm.

    Den meisten Nicht-Niederländern ist vermutlich nicht klar, wie mächtig (vor allem durch die o.a. Erfindung) die Niederlande damals waren. Und dass sie den englischen König praktisch einsetzten dürfte auch wenig bekannt sein (so wirklich gedankt wurde es ihnen ja auch nicht).

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    1. Tatsächlich sollte man diese Erfindung nicht unterschätzen. Sie hat der Wirtschaft einen riesigen „Schubs“ gegeben und war ein Wegbereiter der industriellen Revolution.

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  4. Es ist immer wieder erfrischend zu lesen, dass unsere niederländischen Nachbarn in vielen Dingen die Nase weit vorne haben.
    Die Idee SolarRoad von TNO zum Beispiel, könnte ich mir hierzulande lediglich als Schubladenprojekt vorstellen…
    Um solche Innovationen voranzutreiben gehört stets eine Menge Wagemut dazu und kein hinderliches „Ja, aber…“ wie anderenorts.

    Vielen Dank für den, für mich, sehr erfreulichen Text.

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    1. Gern geschehen, Gerd. Es hat mir Spaß gemacht, ihn zu schreiben!

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  5. Frau Vorgarten 10-04-2014 at 19:38

    Donnerwetter!

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  6. Ja, en soms vinden we ook het wiel opnieuw uit.

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  7. Das war wieder einmal ein sehr interessanter Artikel, auf den ich beim Stöbern auf dieser Seite gestoßen bin. Vielen Dank für diese tollen Informationen.
    Früher konnte man übrigens von der Autobahn aus das Philips Museeum in Eindhoven sehen, es erinnerte mich an das Raumschiff Orion aus der gleichnamigen Fernsehserie und ich habe mir immer noch lange den Kopf verdreht um den Anblick möglichst lange genießen zu können. Mittlerweile sind die Bäume entlang der Strecke zu hoch gewachsen dafür.

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    1. Genau, daran kann ich mich auch noch erinnern!

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