Krankfeiern und Baaldagen

Der deutsche Ausdruck „krankfeiern“ hat für mich einen komischen Beigeschmack. Er klingt eher nach Party als nach Rückzug aufs Sofa. Wenn man in den Niederlanden mal einen Tag nicht arbeiten will, nimmt man einen baaldag oder einen snipperdag

Zuletzt aktualisiert am 1. Januar 2013

Den (umgangssprachlich verwendeten) deutschen Ausdruck krankfeiern habe ich nie so richtig einordnen können. Er bedeutet wegen Krankheit nicht arbeiten können, klingt aber in meinen Ohren, als würde man keineswegs schwächeln sondern einfach nur mal einen Tag blau machen wollen. Dieses Empfinden teile ich mit meinem deutschen Bekanntenkreis.

krankfeiern

Beim Nachschlagen im Duden musste ich feststellen, dass feiern tatsächlich – neben der herkömmlichen festlichen Bedeutung – umgangssprachlich auch verwendet wird um zu kennzeichnen, dass jemand (gezwungenermaßen) mit der Arbeit aussetzen muss. Eine niederländische Entsprechung dazu fällt mir nicht ein. Man sagt in diesem Fall einfach ziek zijn, also krank sein:

ik ben ziek / ik meld me ziek / ik kan vandaag niet werken
ich bin krank / ich melde mich krank / ich kann heute nicht arbeiten

Gelber-Schein-Zwang

Was ich in diesem Zusammenhang nie so richtig verstanden habe ist der deutsche Zwang, sich die Krankheit durch einen sogenannten gelben Schein bescheinigen zu lassen. Zum Einholen dieses ärztlichen Attestes, das als Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung sowohl gegenüber dem Arbeitgeber als auch der Krankenkasse dient, wird man als Angestellte(r) spätestens am dritten Krankheitstag per Gesetz verdonnert.

Natürlich meldet man sich auch in den Niederlanden möglichst schnell beim Arbeitgeber wenn man krank ist und nicht zur Arbeit kommen kann. Und ebenso selbstverständlich holt man sich ärztlichen Rat, wenn einem wirklich was fehlt. Aber man ist nicht verpflichtet gleich zum Arzt zu rennen, nur weil man sich nicht in der Lage fühlt zu arbeiten. Eine formlose ziekmelding (Krankmeldung) genügt.

Meiner Meinung nach ist es auch nicht gerade gesundheits- oder genesungsfördernd, sich mit seinem geschwächten Körper zum Mediziner zu schleppen um dort im Wartezimmer zwischen anderen schniefenden und hustenden Mitbürgern auszuharren – nur um in den Besitz dieses obligaten Scheines zu gelangen.

Baaldagen und snipperdagen

Jede(r) in den Niederlanden hat hin und wieder mal einen baaldag: einen Tag, an dem die Dinge einfach nicht so laufen wie sie sollten und man „nicht gut in seiner Haut steckt“. Das in diesem Wort enthaltene Verb balen ist umgangssprachlich und heißt so viel wie die Nase gestrichen voll haben. Es ist durchaus nicht unüblich, sich in dieser Situation für den Tag krankzumelden um sich so eine kleine Auszeit zu gönnen.

Korrekterweise nimmt man jedoch in dem Fall eher einen snipperdag – einen einzelnen Urlaubstag. Das Wort kommt von snipper, das Fetzen oder Schnipsel bedeutet. Es unterstreicht den vereinzelten Charakter dieses freien Tages. Urlaub und Ferien heißen im Niederländischen übrigens gleichermaßen vakantie. Hier wird also nicht nach arbeitsfrei und schulfrei unterschieden, wie es im Deutschen der Fall ist.

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Geschrieben von alex

Ursprünglich komme ich aus den Niederlanden, seit 1997 ist Deutschland meine Wahlheimat. Hier im Blog findest Du mehr als 400 Artikel über die Unterschiede zwischen der deutschen und der niederländischen Sprache und Kultur.

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  1. […] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von La Rassegna erwähnt. La Rassegna sagte: ► Krankfeiern und Baaldagen: Den (umgangssprachlich verwendeten) deutschen Ausdruck krankfeiern habe ich nie so ri… http://bit.ly/a6bwLI […]

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  2. Er is een Nederlands bedrijf voor archiefvernietiging die op de vrachtwagens de slogan „Bij ons is elke dag snipperdag“ hebben staan.

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  3. Hihi, zeer toepasselijk ;-)

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  4. Darum rennen Deutsche im Durchschnitt 18 mal im Jahr zum Arzt, Skandinavier zum Beispiel nur dreimal. „Feiern“ erklärt meine schlaue Etymologie auch aus dem Begriff „ausruhen“, das passte gut. Aus Beamtenkreisen kenne ich übrigens die „Tapeziergrippe“: wenn man freie Tage benötigt, um die Wohnung zu renovieren ;-)

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  5. 18 (!) mal? Ist das inklusive Zahnarzt und diversen diverser Vorsorgeuntersuchungen? ;-) Ich habe selbst mal irgendwo gelesen, dass in Deutschland pro Person 40 Prozent mehr an Arzneimitteln ausgegeben wird als in den Niederlanden.

    Tapeziergrippe finde ich ein wunderbares Wort. Das ließe sich mit behanggriep ins Niederländische übersetzen. Ich wette, wenn man anfängt ein bisschen herumzugraben findet man bestimmt noch mehr solcher Schätze – im Niederländischen genauso wie im Deutschen …

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  6. So, wie ich das Wort „krankfeiern“ kenne, wird es genau für den von dir bekundeten Zweifel verwendet. Niemand sagt von sich selbst, daß er krankfeiert. Aber zum Beispiel ein Arbeitgeber oder Kollege kann damit ausdrücken, daß er am Kranksein eines Krankgemeldeten zweifelt, diesem also Blaumachen mit ärztlichem Attest unterstellen.
    .-= Gabis letzter blog ..Wochenendlektüre: Was Bücher aus Übersetzern machen =-.

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  8. Tom S. Fox 20-05-2010 at 10:30

    Inklusive diverser Vorsorgeuntersuchungen.

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  9. Gut, dass ich dich habe, Tom …

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  10. Gabi,
    ich habe tatsächlich auch noch niemanden gehört, der von sich selbst sagt, er würde krankfeiern.

    Auch ein schönes deutsches Wort in diesem Zusammenhang finde ich krankschreiben – also der Akt der Krankheitsbescheinigung durch den Arzt. Infolgedessen darf man sich dann krankgeschrieben nennen.

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  11. krankfeiern…tolles wort, muss ich mir merken^^

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  12. Jetzt war ich doch aber wirklich der Meinung das man in NL auch een briefje van de dokter haben muß. Aber ich bin mir nicht mehr sicher, es ist jetzt mehr als 10 Jahre her dass ich das letzte mal dort arbeitete.

    Ich lese hier dass man in NL bei Krankheit zum Betriebsarzt gehen muß, oder aber zu Hause bleiben weil du kontrolliert werden kannst:
    http://www.uwv.nl/particulieren/ziek-of-zwanger/loondoorbetaling-bij-ziekte/controle-regels/index.aspx

    „Schönen Feierabend“ ist auch so ein komischer Gruß. Das impliziert für mich dass die Arbeit so schrecklich ist, dass man jeden Moment feiern muß dass man nicht arbeiten muß.

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    1. Hi Bob,
      wenn ich das richtig deute bezieht sich Dein Link in erster Linie auf Situationen, in denen man länger krank ist (also eher Wochen oder Monate statt einiger Tage). Auch in Deutschland wird man bei längerer Krankheit irgendwann zum Betriebsarzt, bzw. zum Medizinischen Dienst geschickt.

      Es ist tatsächlich möglich, dass ein Kontroleur bei jemandem zuhause vorbeikommt um zu schauen, ob man wirklich krank bist. Das finde ich jedoch längst nicht so schlimm als Leute dazu zu zwingen, sich krank und elendig zum Arzt zu schleppen …

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      1. Ich habe auch nie verstanden, warum man sich – wenn man eh schon krank und elend ist – noch zum Arzt schleppen und zwei Stunden in einem stickigen Wartezimmer rumhängen muss, um dann nach zwei Minuten Symptomschilderung einen „Gelben Schein“ zu bekommen, den man dann auch noch irgendwie dem Arbeitgeber und der Krankenkasse zukommen lassen muss… Wobei das in aller Regel tatsächlich erst ab einer Krankheitsdauer von > 3 Tagen nötig ist.

        Inzwischen muss man in Deutschland allerdings nicht mehr zwingend zuhause sein, wenn man krankgeschrieben ist. Man darf alle Aktivitätem durchführen, die „die Genesung fördern“ oder so ähnlich, abhängig von der Erkrankung. Es spricht ja auch nichts dagegen, nach überstandener Akutphase z.B. einen Spaziergang zu machen. Problematisch wird es natürlich, wenn man den krankgeschriebenen Kollegen abends beim Bier in der Kneipe trifft – womit wir wieder beim „Krankfeiern“ wären….

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  13. Wojciech Ż 26-06-2012 at 23:03

    Was mich immer gewundert und teilweise erheitert hat, ist die deutsche Redewendug ’schoenen Tag noch‘ oder desgl. mit ’noch‘ am Schluss. Anfangs dachte ich, diese Lokution sei ein derber Witz; (’nachdem ich Ihnen den Tag gruendlichst verdorben habe mit meinem Anliegen an Sie, wuensche ich Ihnen, dass der Tag Ihnen doch noch ein bisschen gefaellig bleiben moege‘). Dann aber ist mir klar geworden, dass die Germanophonen dies ganz ernst meinen. Gibt es im nuechternen (‚Dag!‘, wie: ‚have a day—just have it!‘) Niederlaendisch etwas vergleichbares?

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    1. Das gibt es im Niederländischen auch:

      Fijne dag nog!

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      1. Wojciech Ż 27-06-2012 at 10:02

        Aber was drueckt ihr eigentlich mit diesem ’nog‘ aus? ‚Nachdem ich Ihnen den Tag verdorben habe, moege dessen Rest noch einigermassen behaglich werden‘?

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        1. Nein, nog bezieht sich einfach auf die Tatsache, dass ein Teil des Tages bereits verstrichen ist. Der Wunsch gilt also für den Teil, der noch „übrig“ ist.

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  14. Es ist sehr interessant wie viel Unterschiede es gibt zwischen Deutschland und Holland. Denn ich arbeite in Holland und bin krank! In Deutschland ruft der Arbeitgeber an und fragt, wie es einen geht und wünscht gute Besserung!
    In Holland so ist meine Erfahrung, muss der Arbeitgeber jeden Tag unterrichtet werden und es ist echt egal wie es einen geht- kein Wort ( ich wünsche Dir gute Besserung). Es ist hier wohl so, dass auch ein Krankenhausbesuch irgendwie negativ angesehen wird. Es wird alles in Frage gestellt! Ob es der Hausarzt ist oder die Untersuchung im Krankenhaus. Es ist viel mehr so, dass es dem Arbeitgeber nur interessiert, wann man wieder zur Arbeit erscheint.
    Dies sind meine Erfahrungen, ich hoffe nicht, dass es in anderen holl. Unternehmen auch so ist.

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    1. Ich denke, es kommt sehr auf den jeweiligen Arbeitgeber an. Tut mir Leid zu hören, dass Du keine so guten Erfahrungen gemacht hast.

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  15. Het werkwoord „ziekvieren“ (krankfeiern) bestaat in het Nederlands wel degelijk, maar wordt eigenlijk alleen gebruikt in negatieve zin. Als men dat woord gebruikt, gaat men ervan uit dat de werknemer doet *alsof* hij ziek is, maar dat in werkelijkheid niet is – de werknemer gebruikt het ziek zijn als excuus om niet te hoeven werken. Zodoende zegt vrijwel niemand „ik vier ziek“, maar hoort men wel af en toe „hij/zij is aan het ziekvieren“.

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    1. Hi Sander, ich will nicht behaupten, dass es nicht vorkommt, aber das Wort ziekvieren ist im Standardniederländischen nicht gerade weit verbreitet. Ich würde Deutschen, die Niederländisch lernen nicht empfehlen, es zu benutzen.

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      1. Ik heb van ziek vieren in elk geval ook nog nooit gehoord en het staat niet in de dikke van Dale (woordenboek).

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        1. Hmm… misschien is het een regionaal iets? Ik kom uit het oosten des lands, dus misschien is het Nederlands daar iets Duitser in die zin ;-). Misschien geeft deze link wat opheldering: http://www.wegwijslezer.nl/php/question.php?QuestionID=1525

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          1. Het kan ook germanisme zijn vooral als ik de link zo lees vanuit Limburg.

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  16. Nachdem wir uns entschlossen haben, Hundesport mehr bei unseren niederländischen Nachbarn zu betreiben (Windhundsport), müssen natürlich die verschütteten Sprachkenntnisse und Stolpersteine aufgedeckt werden. Dein Blog hilft dabei sehr!

    Vielleicht kann ich noch etwas in Bezug auf Krankfeiern und Gelbe Scheine hinzufügen:

    Krankfeiern (wenn überhaupt) macht man, sagt es aber nicht von sich selbst. Es ist eher so, dass Kollegen schlechte Nachrede üben, wenn ein Mitarbeiter nur mal für einen Tag krank ist, evtl. auch an bestimmten Tagen (z.B. Montags oder Freitags, um das Wochenende zu verlängern) oder das häufiger vorkommt.

    Die Sache mit der Krankmeldung ist wichtig, da es Einfluss auf die Lohnfortzahlung hat: wenn ein Arbeitnehmer aufgrund einer Erkrankung länger als sechs Wochen krank ist (stets die gleiche Diagnose), dann wird er vom Arbeitgeber „ausgesteuert“ und bezieht statt des Gehalts Krankengeld, das von den Krankenkassen gezahlt wird, d.h. er bezieht kein Lohnsteuerpflichtiges Einkommen mehr (daher „ausgesteuert“) sondern Versicherungsleistungen im Rahmen der gesetzlichen Sozialversicherung. Und weil beide Beteiligten informiert werden müssen, bekommt der Arbeitgeber den „Gelben Schein“ oder auch AU genannt (von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung), in dem lediglich Personendaten und Beginn und Ende der Krankschreibung genannt sind, und die Krankenversicherung den anderen Teil, der vom Format etwas größer ist und die Diagnose/Begründung der Krankschreibung in Form von Codes.

    Ist alles nicht so einfach, aber wäre das Leben leicht, hätten wir irgendwann kein Gesprächsthema mehr.

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    1. Und ich keine Blogthemen mehr … ;-)

      Vielen Dank für diese Ergänzung Paul!

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