Lücken in der Sprache: Elternteile und Geschwister

Für manche Begriffe fehlen die Worte, oder besser: die Wörter. Während das Niederländische kein Wort für „Geschwister“ hat, hat das Deutsche nicht wirklich eine Singularform von „Eltern“. [ … ]

Zuletzt aktualisiert am 4. Dezember 2017

Obwohl Deutsch und Niederländisch vom Wortschatz her ziemlich ähnlich sind, gibt es Begriffe, die die eine Sprache kennt und die andere nicht. In diesem Artikel geht es um Geschwister und Eltern.

Kein Wort für Geschwister

Ungemein praktisch finde ich es, dass man etwaige Schwestern und Brüder im Deutschen mit dem Wort Geschwister „erschlagen“ kann. Im Niederländischen geht das nämlich nicht. Und obwohl ich hier auf buurtaal schon mal über Verwandtschaftsverhältnisse geschrieben habe, hatte ich diese Tatsache dabei außer Betracht gelassen.

Wer im Niederländischen über die Gesamtheit der männlichen und weiblichen Kinder gleicher Eltern sprechen möchte, muss sich mit der Umschreibung broers en/of zussen (Brüder und/oder Schwestern) behelfen.

Deutsch Niederländisch
Hast du Geschwister? Heb je broers of zussen?
Wie viele Geschwister hast du? Hoeveel broers en zussen heb je?
Wir sind zuhause vier Geschwister. We zijn thuis met vier kinderen.

Brus

Da nicht nur mir sondern offenbar vielen meiner Landsleute ein Wort wie das deutsche Geschwister oder das englische siblings fehlt, gibt es Bemühungen, ein Kunstwort in den allgemeinen Sprachgebrauch einzuführen. Das ist brus oder brusje – eine kreative Zusammensetzung aus broer und zus(-je). Das Plural dazu ist brussen oder brusjes.

Die Neuschöpfung stößt nicht überall auf Gegenliebe, auch wenn sie seit einigen Jahren offiziell in den Wörterbüchern steht. Wer auf der sicheren Seite sein möchte, verwendet also nach wie vor lieber das umständlichere broers en zussen.

Behinderung

Interessanterweise findet man im Internet bei brusje auffällig viele Verweise zu Seiten, auf denen es speziell um die Geschwister eines Kindes mit Behinderung geht. Offensichtlich haben die Betroffenen (Eltern, Ärzte, Psychologen, Pflegepersonal …) das Wort für sich entdeckt und sich einverleibt. Damit bekommt das Wort eine Zusatzbedeutung oder sogar eine neue Bedeutung, die im Wörterbuch nicht zu finden ist.

Ich könnte mir vorstellen, dass der „Beigeschmack“ der Behinderung den Einzug von brusje für Geschwister in den allgemeinen Sprachgebrauch erschwert.

Unzertrennliche Eltern

Die deutsche Sprache indes tut sich etwas schwer mit einer anderen Verwandtschaftsbezeichnung. Eltern treten bevorzugt paarweise – oder besser: in der Mehrzahl – in Erscheinung. Das Wort ist ein sogenanntes Pluraletantum – es existiert nur im Plural.

Wer nur einen von beiden Partnern meint, kann das Wort Elternteil nutzen. Für mich als Nicht-Deutsche hört sich das jedoch ziemlich sperrig an. Ist das für deutsche Ohren auch so?

Im Niederländischen hingegen ist de ouder (Einzahl) neben de ouders (Mehrzahl) ein ganz gebräuchliches Wort für Vater oder Mutter. Man findet es auch oft in Zusammensetzungen, bei denen das Deutsche den Plural benutzt:

Deutsch Niederländisch
die Eltern de ouders
der Elternteil de ouder
der Elternabend de ouderavond
die Eltern-Kind-Beziehung de ouder-kind-relatie
ein Elternvogel mit Jungen een oudervogel met jongen
der Vater oder die Mutter eines Großelternteils heißt Urgroßvater oder -Mutter de ouder van een grootouder heet overgrootouder
das Elternhaus het ouderlijk huis
die Familie mit nur einem Elternteil het eenoudergezin

https://www.buurtaal.de/blog/falsche-freunde-familie-verwandtschaft

Storch füttert Junges

Ältere Eltern?

Genau genommen ist ouder eine Steigerungsform (Komparativ). Und zwar von oudalt.

Achtung: Die Mehrzahlform von ouder ist ouders, also mit einem -s am Ende. Es gibt zwar auch das Wort ouderen – mit einem Plural auf -en –, aber das bedeutet etwas anderes, nämlich ältere Menschen. Nun können Eltern durchaus älter sein, aber so alt sind sie dann meistens doch nicht.

de ouderavond der Elternabend
de ouderenavond der Abend für Ältere (denke: Bingo, Karten spielen …)

Elter

Und genauso wie das Niederländische ein Kunstwort für Geschwister hat, hat das Deutsche eins für einzelne Elternteile: der oder das Elter. Im Prinzip ist es eine einfache, grammatikalisch schlüssige Rückbildung von Eltern. Nur in der Alltagssprache ist diese Form noch nicht ganz angekommen.

Wer von Euch benutzt sie? Oder sagt Ihr Elternteil oder versucht ihr, beide Formen zu vermeiden?


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Vielen vielen Dank!


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Geschrieben von alex

Ursprünglich komme ich aus den Niederlanden, seit 1997 ist Deutschland meine Wahlheimat. Hier im Blog findest Du mehr als 400 Artikel über die Unterschiede zwischen der deutschen und der niederländischen Sprache und Kultur.

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  1. Du schreibst: Ungemein praktisch finde ich es, dass man etwaige Schwestern und Brüder im Deutschen mit dem Wort Geschwister “erschlagen” kann.

    Die Bedeutung des Wortes „erschlagen“ erschliesst sich mir hier nicht. Erschlagen kenne ich nur in der Bedeutung von totschlagen = Kain erschlug Abel. Meine Mutter sagte auch: „Ich bin ganz erschlagen“, und meinte dann, sie war nach irgendeiner Arbeit todmüde. Beides wird doch wohl nicht gemeint sein. Ist nicht vielleicht erfassen oder umfassen gemeint?

    Antworten

    1. Das war ein kleines Wortspiel, Elise. (Denke an die zwei Fliegen, die man mit einer Klappe (er-)schlägt.) Deshalb auch die Anführungszeichen. Erschlagen ist hier in der Tat als erfassen gemeint.

      Antworten

      1. Ich denke, dass deutsche Leser dieses Wortspiel nicht erfassen, aber ich kann mich täuschen.

        Antworten

        1. Meine Gegenleserin verstand, was ich meinte.

          Antworten

          1. Na denn …

            Antworten

        2. Ich habe das „erschlagen“ als martialische Metapher von erledigen/vollends ersetzen verstanden.
          Bekannt ist mir, einem Westfalen, diese Bedeutung allerdings nur von einer Rheinländerin, die häufig davon sprach, dass man sie mit diesem oder jenem „erschlagen könne“ – womit nicht das Totschlagen an sich gemeint war, sondern das im übertragenen, übertriebenen Sinne gemeinte Überhäufen/Ruhigstellen mit etwas sehr Angenehmen: „Ich liebe Erdbeeren – damit kannst Du mich erschlagen!“
          Verwandt mit diesem übertragenem Sinn ist vermutlich auch das „Totschlagsargument“, also ein Argument mit dem man sein Gegenüber mit (schein-argumentarischer) Gewalt ruhig stellen will.

          Antworten

    2. Erschlagen – in der von Alex genutzten Bedeutung – ist hier in Köln (auch hochsprachlich) ganz unauffällig und normal.

      Antworten

      1. Ich bin denn auch keine Köllsche :).

        Antworten

  2. Zu den brusjes: mein Eindruck ist eher, dass das Wort brussen/brusjes gerade in dem medizinischen/psychologischen Bereich entstanden ist (also nicht einverleibt wurde), weil es eben manchmal spezielle Angebote für diese Geschwisterkinder gibt und diese einen Namen brauchten. Im alltäglichen Sprachgebrauch ist mir das Wort (bisher) noch gar nicht begegnet…

    Antworten

    1. Die genaue Herkunft von brus ist nicht ganz deutlich, aber die Zusammenziehung von broer und zus ist eigentlich nahe liegend, deswegen kann ich mir vorstellen, dass es mehrere Leute/Gruppen unabhängig voneinander „entdeckt“ haben.

      Interessant finde ich auf jeden Fall folgenden Artikel Hoeveel ‘brussen’ heb jij eigenlijk? In den Kommentaren schreibt jemand, dass die Kinderpsychologin Rita Vuyk das Wort ‘brusje’ schon rund 1965 in einem Buch benutzt haben soll. In welcher Bedeutung genau steht dort allerdings nicht.

      Antworten

      1. Die Vorschläge aus dem nrc-Artikel sind ja teilweise auch lustig:
        ‚gebroezum‘ of ’nestgenoten’ !!! :-)

        Antworten

        1. Gegenüber solchen Alternativen sticht brus positiv hervor, würde ich sagen ;-)

          Antworten

        2. Gibt es einen link zu dem Artikel?

          Antworten

          1. Der Artikel ist in meinem Kommentar hier oben verlinkt Elise.

            Antworten

            1. Ik ben het met veel van de commentatoren eens, dat brus en brusjes lelijke woorden zijn, die niet meteen zo duidelijk zijn als Geschwister. Ook sluit ik me erbij aan, dat het een beetje een onzinnige discussie is. Is broers en zussen zoveel moeilijker dan Geschwister, zoals ene Frans vraagt?

              Antworten

              1. Ich finde brus ehrlich gesagt ziemlich deutlich. Und es gibt durchaus Fälle, in denen broers en/of zussen etwas umständlich ist:

                Heb je broers en/of zussen? vs
                Heb je brussen?

                Antworten

  3. Für Elter wüsste ich für mich gar keine praktische Anwendung. Vater, Mutter, Eltern hat bisher immer ausgereicht.
    Am ehesten würde ich im Behördendeutsch eine Verwendung sehen – da dort aber die Erziehungsberechtigten als Übergruppe mehr Relevanz besitzen als die etwas kleinere Gruppe der Eltern, wird sich dort wohl kaum jemand um ein Elter scheren.
    Außerdem muss ich beim Hören/Lesen von Elter unwillkürlich Eiter und Euter assozieren. ;-)

    Dass sich „Eltern“ von „Älteren“ ableitet, kann man im Deutschen übrigens immer noch, wenn auch zunehmend nachlassend, an den etwas despektierlichen, milieubehafteten „Alte“ und „Alter“ erkennen, womit dann häufig Partnerinnen und Partner (im geschlechtsfähigen Alter) gemeint sind – ohne heutzutage dabei unbedingt schon Eltern sein zu müssen.

    Dass Kinder ihre Eltern als Alte/Alter/Alten bezeichneten war bis in die 70er durchaus noch anzutreffen, wenn auch selten. Mittlerweile dürfte diese Verwendung allerdings nahezu ausgestorben sein – zumindest dann, wenn ich das Fernsehen als maßgebliche Quelle heranziehe.

    Antworten

  4. „Elter“ habe ich auch noch nie gebraucht. Klingt auch irgendwie komisch. Sei es drum. Der Artikel war total informativ, vielen Dank dafür.

    Und mein Klick ist Dir sicher :).

    Schönes (langes?) Wochenende

    Torsten

    Antworten

    1. Graag gedaan Torsten. Vielleicht klingt „Elter“ auch nur deswegen komisch, weil es so wenig benutzt wird. An sich wäre es doch ein ganz brauchbares Wort, oder?

      Danke für den Klick – und für Deine Spende!

      Antworten

  5. Ich finde es interessant zu sehen, dass die deutschsprachige buurtaal-Leserschaft eine Singularform zu „Eltern“ offenbar nicht wirklich vermisst.

    Antworten

    1. So ist es.

      Antworten

  6. „Elter“ habe ich das ein oder andere mal schon benutzt. Eben, wenn mir „ein Vater und/oder Mutter“ zu sperrig war und ich etwas geschlechtsneutrales benutzen wollte: „Wenn ein Elter sein Kind…..“, „Wie soll man als Elter dieses und jenes….“.

    Antworten

    1. Genau in solchen Situationen ist es praktisch, das finde ich auch, Nadine.

      „Elternteil“ klänge mir da zu mechanisch, bzw. bauklotz-artig.

      Antworten

  7. Der Begriff „Elter“ ist wohl mehr fachsprachlich als umgangssprachlich. Ich habe den Begriff bisher nie benutzt. Das Wort „Elternteil“ hört sich für mich als Deutsche ganz normal an.

    „broers en zussen“ geht mir genauso leicht über die Lippen wie das Wort „Geschwister“, dass ja ein langes Wort ist; im Grunde nur ein Vokal mehr als „broers en zussen“.

    Ein Lob für diese lehrreiche und interessante Seite. Dein Deutsch ist bemerkenswert gut.

    Antworten

    1. Danke für das Lob, Nivecia.

      Geschwister hat aber einen Vorteil, den „broers en zussen“ so nicht hat: Es ist geschlechtsneutral. Auf Deutsch kann ich zum Beispiel fragen:

      Hast du Geschwister?

      Auf Niederländisch müsste ich die Frage eigentlich so formulieren:

      Heb je broers en/of zussen?

      Das ist irgendwie doch umständlicher.

      Antworten

  8. Also das „Elter“ kenne ich nicht.
    Habe bisher nicht mal gewusst das wir so ein Wort (zu) haben (versuchen).
    Da es zwei Menschen benötigt zur Erschaffung eines neuen, gibt es auch nur die Eltern. Gedanken habe ich mir darüber nicht gemacht.

    Antworten

    1. Da es zwei Menschen benötigt zur Erschaffung eines neuen, gibt es auch nur die Eltern.

      Die Rechnung geht aber spätestens dann nicht mehr auf, wenn sich die beiden trennen und die Eltern kein Paar mehr sind …

      Antworten

  9. Ergänzung:
    eenoudergezin = Familie mit nur einem Elternteil, alleinerziehendes Elternteil

    Antworten

    1. Danke! Ich hab’s in die Tabelle mit aufgenommen.

      Antworten