Als Deutsche(r) in den Niederlanden studieren

Den deutschen Ort Kranenburg und die niederländische Stadt Nijmegen trennen nur etwa 14 Kilometer. Zwischen den Verhaltensweisen von Niederländern und Deutschen scheint aber manchmal ein deutlich größere Entfernung zu liegen. [ … ]

Zuletzt aktualisiert am 16. August 2017

In diesem Gastbeitrag nimmt die 23-jährige Franziska aus Siegen die niederländische Kultur und Mentalität – aus der Sicht einer Studentin – im Reportagenstil unter die Lupe.

Hörsaal an der Radboud Universität in Nijmegen

Den deutschen Ort Kranenburg und die niederländische Stadt Nijmegen trennen nur etwa 14 Kilometer. Zwischen den Verhaltensweisen von Niederländern und Deutschen scheint aber manchmal mehr als das zu liegen.

Wenn die 20-jährige Saskia Müller, die nun seit knapp einem Jahr den Bachelor-Studiengang „Sport, Gezondheid en Management“ an der Hogeschool van Arnhem en Nijmegen studiert und nur wenige Autominuten entfernt in Kranenburg lebt, das erzählt, weiß sie, wovon sie spricht. Denn seit ihrem Studienbeginn hat Saskia fast täglich neue Situationen erlebt, die die Unterschiede zwischen Niederländern und Deutschen deutlich machen.

Riesige Wasserflaschen

So zum Beispiel, als sie das erste Mal im Unterricht ihre 1,5-Liter-Wasserflasche auspackte und neugierig beäugt wurde. Auch Mitstudentin Janneke Leeuwerik aus der Provinz Zuid-Holland, war etwas irritiert: „Warum haben die Deutschen immer eine viel zu große Wasserflasche mit Mineralwasser dabei, statt wie wir eine kleine Flasche zu nehmen und sie mit Leitungswasser aufzufüllen?“ fragt sie sich.

Butterbrotdosen und die längsten Menschen der Welt

Auch wenn Saskia ihre Butterbrotdose mit Schwarzbrot, Wurst, Käse und Salat auspackt, wird misstrauisch zu ihr herübergeschielt: „Die Niederländer essen meistens ein helleres, weiches Brot. Das wird dann in eine kleine Plastiktüte gesteckt und fertig“, weiß sie die Blicke ihrer Kommilitonen inzwischen aber einzuschätzen. Für Janneke ist das alles vollkommen normal und eine Butterbrotdose kommt ihr bis heute nicht ins Haus.

Das Allererste, was Janneke bei der ersten Begegnung mit der Deutschen aber aufgefallen war, hatte nichts mit Ess- oder Trinkgewohnheiten zu tun, sondern lag viel mehr an Saskias Körpergröße:

Wir Niederländer sind doch die längsten Menschen der Welt. Doch dann stand sie plötzlich vor mir, war fast noch einen Kopf größer als ich und sagte mir, dass sie aus Deutschland kommt. Das kann doch nicht wahr sein

erzählt die junge Niederländerin.

Süßes

Die Niederländisch-Dozentin Martine Mestdagh, die an der Grenze zwischen den Niederlanden und Belgien aufgewachsen ist, schwört vor allem auf die süßen Mahlzeiten. „Morgens esse ich am liebsten Ontbijtkoek, eine Art Gewürzkuchen, den es auch häufig nachmittags zum Kaffee gibt.“ Neben ontbijtkoek sind niederländische Stroopwafels, Pfannkuchen, Krentenbollen oder der berühmte Vla nicht fern.

Dabei lieben die Niederländer möglichst große Verpackungen. Denn da Vla und Joghurt fast täglich zum Dessert gegessen werden, kaufen die Niederländer diese Nachspeisen fast ausschließlich in 1-Liter-Tüten. Ein weiterer Unterschied zu deutschen Essensgewohnheiten ist die Patat oder Friet. Denn während man in Deutschland nur Ketchup und Mayo zu den Pommes kennt, haben die Niederländer noch viele andere Soßen, wie zum Beispiel Satésaus.

Mit dem Fahrrad zur Uni

Die meisten niederländischen Studenten fahren mit dem Rad zur Hochschule oder Uni.

Fietsen

Doch die Niederländer tun auch einiges, um die gerade zu sich genommenen Kalorien wieder loszuwerden. So sieht man sie an jeder Ecke joggen oder fietsen. Fahrrad fahren ist für die Niederländer der einfachste und am häufigsten gewählte Weg, um schnell von A nach B zu kommen. Dabei ist eine Straße, auf der die beiden Radwege mehr Platz einnehmen als der Straßenteil für die Autos, vollkommen normal. Das ist es auch, wenn plötzlich ein Fiets mit Affenzahn über den Radweg fliegt und sich auf dem Rad mehr als nur eine Person befindet.

Na klar, wir fahren auf dem Gepäckträger mit

erklärt Janneke, die manchmal sogar mit einem Regenschirm in der Hand fietst und ihr Rad dann nur einhändig steuern kann. Auch Saskia wurde schon auf dem Bagagedrager des Fahrrads mitgenommen und hatte, wie Janneke amüsiert berichtet, „Todesangst“.

Schnell per Du

Auch wenn der Deutsche schnell merkt, dass sich das Niederländische und Deutsche sehr ähnlich sind, muss er wegen der anderen Umgangsformen gut aufpassen. Wundern darf man sich zum Beispiel nicht, wenn man vom Dozenten und von Menschen, die man nicht kennt, mit „du“ angesprochen wird. Für die Niederländer ist es selbstverständlich, dass das Gegenüber schnell geduzt wird und dass man sehr offen miteinander umgeht und spricht.

Falsche Freunde: Knap ist nicht gleich knapp

Wer die Sprache noch nicht so gut beherrscht, kann schnell in die Falle tappen, wie auch der 24-jährige Lukas Baumann zu berichten weiß:

Puh, ich erinnere mich noch gut an meine erste mündliche Prüfung an der Universität, als mir die Dozentin als Fazit sagte, dass es heel knap gewesen sei. Ich hab überlegt, ob ich es knapp geschafft oder knapp nicht geschafft habe und bekam dann zu meiner Erleichterung gesagt, dass es mehr als prima war! Das war also ein sogenannter falscher Freund.

Auch Nils Laurens van Dongen (24), in Deutschland geboren als Kind niederländischer Eltern, haben die Ähnlichkeiten der beiden Sprachen schon ein Erlebnis der besonderen Art beschert: In einem Geschäft fiel er auf den Klassiker unter den falschen Freunden herein, als ein Verkäufer ihn fragte, ob er Hilfe benötigte und er mit ik kom klaar abwinkte.

Niederländische Höflichkeit

So offen die Niederländer auch sind, Höflichkeit ist ihnen sehr wichti

Wir Deutschen sagen zum Beispiel einfach ‚Kannst du mir bitte helfen?‘. Die Niederländer würden in diesen Satz aber bestimmt vier oder fünf Höflichkeitswörter reinpacken, damit sie unter keinen Umständen zu dreist und unhöflich gefragt haben

erinnert sich Saskia an ihre Zeit im niederländischen Sprachkurs und an die Probleme damit, diese Feinheiten zu verinnerlichen.

Eine andere Mentalität

Auch im Bezug auf die allgemeine Mentalität ist Saskia noch etwas aufgefallen: „Die Niederländer nehmen alles etwas gelassener und entspannter.“ Die niederländische Gelassenheit hat die Deutschen bereits viele Nerven gekostet. „Aufgaben werden grundsätzlich erst kurz vor dem Abgabetermin bearbeitet. Vorher werden die Sachen einfach links liegen gelassen, egal ob es sich um Gruppen- oder Einzelarbeiten handelt. Will man die Niederländer dazu bringen früher mit der Arbeit anzufangen, bekommt man nur ihr Sprichwort Alles komt goed – alles wird gut – zu hören und muss trotzdem weiter warten“, berichtet die Studentin.

Zwar ist sie von dieser Arbeitsweise immer noch irritiert und kann sich nicht so ganz damit anfreunden, doch ein bisschen hat sie sich bereits von der niederländischen Gelassenheit abgeschaut. „Anfangs war ich immer total panisch, wenn der Abgabetermin näher und näher rückte und meine Mitstudenten noch nichts getan hatten. Inzwischen weiß ich aber, dass sie ihre Aufgaben noch erledigen werden und dass es irgendwie immer klappt.“

Schließlich komt alles goed, auch wenn sie immer wieder erstaunt ist, wie unterschiedlich die Verhaltensweisen von Niederländern und Deutschen sein können. Obwohl sie manchmal nur wenige Kilometer voneinander trennen.

Franziska Menn macht an der Uni in Siegen ihren Master für Literatur, Kultur und Medien. Im Rahmen ihres Studiums hat sie anderthalb Semester Niederländisch gelernt – dadurch wurde ihr Interesse für die Niederlande geweckt. Seit Sommer 2012 studiert ihre Freundin in Nijmegen, sodass sie nun einen noch näheren Bezug zum Nachbarland bekommt.


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Geschrieben von Gastautor

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  1. Ein lustiger Beitrag. Teilweise werden die Klischees gefrönt die noch immer existieren. Es sind aber liebenswerte Schrulligkeiten.

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  2. Het ‚alles komt goed‘ bij deadlines vind ik wel herkenbaar. Toch zijn er ook Nederlandse studenten die daar zenuwachtig van worden, en liever meer op tijd hun aandeel leveren, en ook graag zien dat anderen, met wie ze samenwerken, dat doen.
    Zoet ontbijt, dat vind ik nog altijd lekker, ook nu ik de zestig nader; kaas is heerlijk, maar pas bij de lunch. Alleen echt goede roerei, dat vind ik ook bij het ontbijt heel lekker.

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  3. Bei der holländischen „Höflichkeit“ habe ich meine Zweifel. In Deutschland ist es nach meinem Eindruck etwas normaler, die Hilfe anderer in Anspruch zu nehmen. Deshalb reicht dort eine kurze Bitte, wogegen man in Holland fast betteln muss und tief ins Staub knien muss um eine kleine Hilfeleistung zu bekommen.

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    1. Nicht nur das, Emigrant, man bekommt auch von niederländischen „Freunden“ viel eher den Tritt in den Arsch als von Deutschen. Ist mir schon mehrfach geschehen! Hast Du einen deutschen Freund, ist das meist eine langfristige Beziehung. Niederländer sind dafür zugänglicher, aber es hat etwas Unverbindliches und geht nicht in die Tiefe. Es bleibt eine Mauer: Bis hierher und nicht weiter …

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      1. Meiner Erfahrung nach liegt das eher an dem Alter, in dem die Freundschaften geschlossen werden. Die tiefen Freundschaften durch dick und dünn bis ins hohe Alter entstehen ja meistens in der Schul- und Studentenzeit. Später sind dann die Netzwerke geknüpft und es ist für einen Neuling schwerer, dazwischen zu kommen. Das kenne ich von den Niederlanden, wo ich als Endzwanziger gelandet bin, aber auch von Deutschland, wo ich während des Referendariats ein paarmal umgezogen bin. Aber wie gesagt, das ist meine persönliche Erfahrung.

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  4. Kannst du das mit der Höflichkeit mal etwas ausführlicher erläutern? Wie muß man denn nun strategisch und taktisch vorgehen, wenn man einen Niederländer um Hilfe bitten will, ohne ihn versehentlich zu beleidigen?

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    1. Tja, einen Masterplan habe ich leider nicht ;)

      Ich wollte damit aber eigentlich auch nur verdeutlichen, dass die Niederländer immer sehr viele Höflichkeitsverben in einen Satz packen! Während wir Deutschen z.B. einfach fragen, „Kannst du mir helfen?“, fragen die Niederländer eher „Zou je me alsjeblieft kunnen helpen?“, was übersetzt in etwa heißt „Würdest du mir bitte helfen können?“

      Mir war das einfach aufgefallen, also dass die Fragen immer sehr sehr höflich und in unseren Augen sogar etwas kompliziert formuliert sind ;) Daraus würde ich aber schließen, dass du mit so einer höflichen Bitte nicht viel falschen machen kannst :)

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      1. Alles klar, vielen Dank :-). Der Satz ist schon mal ganz gut. Wenigstens weiß ich jetzt, was ich sagen muß, falls ich jemals in die Verlegenheit kommen sollte, einen Niederländer um Hilfe bitten müssen zu sollen ;-).

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        1. Aber ich gebe keine Garantie ;)

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          1. Wenn ich mich da einmal unmaßgeblichbringen darf: Ist das wirklich so arg, was das Helfen betrifft?

            Meine guten Vorurteile gegenüber Niederländern sind gerade dabei, über Bord geworfen zu werden.

            Ich schätze die Niederländer ob ihrer liberalen Art und Weise. Bisher kam es mir eher vor, als seien eher wir Deutschen verknöcherter, was Hilfe, Freundlichkeit und Entgegenkommen betrifft.

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            1. err: Sollte heißen: „Unmaßgeblich einbringen …“

              Antworten

  5. Mij valt vooral op dat hele groepen Nederlanders met mooi weer naar Kranenburg gaan voor het veel goedkopere (en grotere hoeveelheden) Italiaans Ijs. :-)

    Zelf heb ik de laatste 30 jaar veel door Duitsland gefietst en vind ik dat de Duitsers in die tijd stukken losser en gemoedelijker zijn geworden. In Nederland is dat redelijk stabiel gebleven en af en toe denk ik dat Duitsers ons hebben ingehaald. Maar wat me ook is opgevallen zijn de grote verschillen binnen beide landen. Zelf heb ik zo onbedoeld ruzie met Zuid-Limburgers. Op een of andere manier voegt het niet. Hagenezen en Amsterdammers scoren bij mij ook erg slecht. In Duitsland gaat het bij mij niet goed rond Kassel. Maar voor de rest kan ik uitstekend opschieten met Duitsers in Beieren, Saarland en bijvoorbeeld NederSaksen.

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  6. Zennissimo 11-10-2013 at 20:25

    „Das wird dann in eine kleine Plastiktüte gesteckt und fertig“,
    Nein, nicht einverstanden! Bin Holländer und mein Brot ist immer verpackt in een plastic „lunchtrommel“.
    Suß…. well of course… ;-)

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    1. Oh, sehr gut, es gibt also doch auch Butterbrotsdosen in den Niederlanden ;)

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  7. Ein schöner Artikel. Ich arbeite ja auch gelegentlich an einer Fachhochschule knapp über der Grenze und kann einiges bestätigen. So kann man z.B. an den Wasserflaschen sehen, wer noch in Deutschland wohnt und wer bereits in die Niederlande umgezogen ist. Was die „Alles-komt-goed“-Einstellung betrifft, integrieren sich die deutschen Studenten erstaunlich schnell. ;)

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  8. Ein toller Bericht und ich erkenne sehr viele Dinge wieder. Interessant sind auch die Ortschaften: in Siegen habe ich gelebt und gearbeitet (meine Geschwister sind dort zur Uni gegangen) und in Arnheim ebenso ;-)

    Jeder Niederländer, mit dem im mich darüber unterhalten habe, hat mir gesagt, dass der Deutsche viel höflicher ist als der durchschnittliche Niederländer. Ich habe das nie bestätigen können und kann es auch heute noch nicht. Natürlich hab ich auch niederländische Rotzlöffel kennengelernt und auch Unverschämtheiten. Das waren aber Ausnahmen meiner Meinung nach. Trotzdem finde ich den Umgang höflicher und besser miteinander. Generell hatte ich in den Niederlanden nie das Gefühl, von oben herab angesehen zu werden oder dass der andere dachte, er sei was Besseres. Vielleicht ein wenig eitel, aber mehr auch nicht. Und ebenso die niederländische Gelassenheit ist immer noch etwas, was ich so sehr schätze.

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  9. Unglaublich, wie klein die Welt doch ist…

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  10. Genauso ist es – das merkt man schon, wenn man nicht in den Niederlanden studiert oder lebt – wir haben seit 3 Jahren niederländische Freunde und bei unseren wechselseitigen Besuchen ein- bis zweimal im Jahr haben wir all das erlebt, einschliesslich dem Erstaunen der jeweils „anderen Seite“. Und jedesmal macht dieses „Anderssein“ Spass und das Frühstück in NL schmeckt vor Ort „lekker“, zuhause ist es dann wieder anders – und das empfinden auch unsere Freunde aus der Nähe von Rotterdam so! Also am besten offen sein für Neues – davon haben alle etwas!

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    1. Genauso sehe ich das auch. So lebt es sich am leichtesten :-)

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