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Begreifen und verstehen

Wäre die Welt schön übersichtlich, würde man „verstehen“ im Niederländischen mit verstaan übersetzen und begreifen mit begrijpen. Die Verben werden jedoch in beiden Sprachen etwas unterschiedlich benutzt.

Was wird ein Niederländer tun, wenn du ihm Folgendes sagst?

Ik versta je niet.

Er wird seine Worte wiederholen und dabei deutlicher und wahrscheinlich lauter sprechen als im ersten Durchgang.

Hörproblem

Das ist super, wenn du ihn tatsächlich akustisch nicht gut verstanden hast. Das niederländische Verb verstaan bedeutet nämlich genau das.

GlühbirneWenn aber nicht deine Ohren das Problem sind, sondern du Schwierigkeiten hast, das Gesagte geistig zu erfassen, dann funktioniert verstaan nicht. In dieser Situation benutzt man im Niederländischen ein anderes Verb: begrijpen.

Ik begrijp je niet.

Im Prinzip könnte man diesen Satz mit „ich begreife dich nicht“ ins Deutsche zurückübersetzen, aber das wird kaum jemand tun.

Kapiert

Begreifen heißt zwar auch, dass das Hirn eine Information verarbeitet hat, aber es geht nach meinem Gefühl noch einen Schritt weiter. Wer etwas begreift, erkennt es auch in seinen Zusammenhängen. Er hat die Sache sozusagen durchdrungen. Das Niederländische macht diesen sprachlichen Unterschied nicht.

Da ich keine deutsche Muttersprachlerin bin, weiß ich nicht genau, ob diese Interpretation stimmt. Ich bin also sehr gespannt auf Eure Meinungen dazu. In der Praxis kommt verstehen wesentlich häufiger vor als begreifen (und das vermutlich sowohl im sprachlichen als auch im geistigen Sinne …)

Im Deutschen passt verstehen also für sowohl die Aufnahme über die Ohren als auch über das Hirn. Beim Satz

Ich verstehe dich nicht.

wird aus dem Kontext hervorgehen müssen, was genau gemeint ist.

Ohr und Hirn (sprachlich) getrennt

Das Niederländische unterscheidet somit viel strikter als das Deutsche zwischen akustischer und geistiger Erfassung. In dem ersten Fall, wo es um die reine Aufnahme von Information geht, ist verstaan zuständig, im zweiten begrijpen.

26 Kommentare

  1. Danke, für die tolle Erklärung! Ich wusste, mit meinen Basic-Holländisch-Kenntnissen, bis jetzt nicht was genau der Unterschied ist – in Zukunft kann ich nachfragen, ohne dass mein Gegenüber immer lauter wird und ich trotzdem nichts verstehe ;-)).
    Ich denke, Deine Interpretation von „begreifen“ im Deutschen trifft es ganz gut, wobei der Unterschied zu „verstehen“ dann nur Nuancen sind, außer dass man verstehen eben auch im akkustischen Fall anwenden kann und begreifen nicht….
    Ich hab Deinen Blog vor kurzem entdeckt, da ich Holland und die holländische Sprache sehr mag, werde ich nun sicher öfter vorbei schauen.
    LG, Mecki

    • Freut mich sehr, dass meine Erklärung Dir weiterhelfen konnte. Danke fürs Kompliment!

  2. „Im Niederländischen“ ist hier eine Verallgemeinerung: in Flandern bedeutet verstaan auch begrijpen. Im Anfang in Belgien habe ich das oft falsch verstanden.

    • Danke Dir für die Ergänzung Ernst!

      Da man in Belgien aber beide Verben kennt, bzw. „versteht“, würde ich Deutschen, die Niederländisch lernen, empfehlen, beim Selber-Sprechen konsequent auf diese Trennung zu achten.

      • Gute Idee, denn Flämisch ist kein Standardniederländisch.

        Aber macht eigentlich kein Flauß aus, die Holländer (vielleicht sogar alle Nordniederländer) hören sowieso dass es sich um einen Ausländer handelt :-)

        • Frau Vorgarten Frau Vorgarten

          Es macht kein Flauß aus!
          Da ist es wieder! Ich habe es ungefähr 20 Jahre lang nicht gehört (hier: gelesen) und zweifelte schon an meinen Erinnerungen.
          Aber anscheinend gibt es die Redewendung doch.
          Danke Herr Sittig!

  3. joachim joachim

    Ich sah manchmal, die Sendung „Verstehen Sie Spaß“.
    Nie habe ich begriffen, was an diese Sendung so lustig ist.

  4. Danke Alex,

    Wieder was gelernt! Könnte bei meinem nächsten Projekt mit Ans Hoornweg nützlich sein, denn sie ist schwerhörig. Dus zal ze me waarschijnlijk niet goed verstaan. Beim letzten Mal war das auch so.

    Nun denn, diesmal also ein Megaphon mitnehmen.

    • Tina Tina

      Es ist ein weit verbreiteter und anscheinend nicht auszurottender Trugschluß, daß man Schwerhörige anbrüllen müsse. Das muß man gar nicht. Ich bin selbst etwas schwerhörig und weiß, wovon ich rede. Normale Sprechlautstärke oder ein geringfügiges Lautersprechen reicht völlig, und mitunter ist nicht einmal das nötig (es kommt auf den Lärmpegel in der Umgebung an). Viel wichtiger ist, daß man den Betreffenden beim Sprechen anschaut, damit er vom Mund ablesen kann, und daß man klar und deutlich spricht (und nicht in den Bart reinmurmelt). Brüllen tut Schwerhörigen genauso in den Ohren weh wie normal Hörenden, und besser verstehen oder begreifen werden sie einen davon kaum. Man nennt das übrigens „Lautheitsausgleich“; schau mal hier nach:

      http://de.wikipedia.org/wiki/Recruitment

      Und verschone die arme Frau mit deinem Megaphon ;-).

      • alex alex

        Hast Du Dir das Video angeschaut, Tina?

        • Tina Tina

          Ja, hab ich, allerdings ohne Ton, da ich keine Lautsprecher habe (und ich glaube, ich habe es trotzdem begriffen ;-) )

      • Nein, Tina, Ans ist wirklich SEHR SCHWERHÖRIG. Mit normaler Lautstärke kommt man da wirklich nicht weit. Jeder Schwerhörige ist anders schwerhörig, so wie auch jeder einen anderen Tinnitus oder eine andere Fehlsichtigkeit hat ….

  5. Henning Henning

    Die Trickzeichnung für die Erklärung finde ich klasse. So versteht man den Sachverhalt schnell und einfach.

    Tolle Idee!

  6. Lucy van Pelt Lucy van Pelt

    Ja, ganz klasse, Alex,
    ich schließe mich Hennings Kommentar an. So hätte ich gern Sprachenunterricht in der Schule gehabt!

    • Danke Euch, Henning und Lucy!

      Wissensvermittlung muss nicht immer dröge sein :-) Die Erstellung des Filmchens hat mir richtig Spaß gemacht. Vielleicht werde ich diese Technik in Zukunft häufiger einsetzen.

      • Henning Henning

        „Vielleicht werde ich diese Technik in Zukunft häufiger einsetzen. “

        Ja, bitte!

  7. Michael Abel Michael Abel

    Ja, ja, die deutsche Sprache ist manchmal auch für einen Muttersprachler schwierig. Ich würde in diesem Fall sagen das Wort verstehen gilt sowohl für die Lautstärke, die Aussprache und auch für die Ansichten und Handlungen eines Anderen. Beispiel:“Ich verstehe dich nicht, wie konntest Du so etwas tun oder denken“. „Ich verstehe deine Ansichten nicht“ oder „ich verstehe die Welt nicht mehr“. Es wird aber auch bei Beziehungen untereinander eingesetzt wie z. B.:
    „Wir verstehen uns gut oder ich verstehe mich gut mit meinen Kollegen“.

    Das Wort Begreifen bezieht sich mehr auf Ansichten und Handlungen eines Anderen oder auch auf z. B. Spielregeln: „Ich begreife Dich nicht, wie konntest Du so etwas sagen, denken oder tun?“ Hierbei passt aber genauso das Wort „kapieren“. „Ich kapier es einfach nicht, wie kann man nur so etwas denken“ oder „Dieses Spiel oder die Regeln werde ich nie kapieren“.
    Bei kapieren passt meiner Ansicht nach im Niederländischen aber besser : „Ik snap het niet, hoe kan je zoiets denken of doen“. Jetzt hoffe ich nur dass ich bei meinen Westerburen nicht noch mehr Verwirrung gestiftet habe.

    groetjes Michael

  8. Susanne Susanne

    Toller Film, liebe Alex, super gemacht! So prägt sich der Unterschied sehr gut ein.
    Ik heb het gesnapt – ich habe es kapiert – kann ich das auch so sagen? Ich weiß nicht, ob es ganz richtig geschrieben ist, mit den doppelten Buchstaben habe ich als so meine Schwierigkeiten…..
    Vielen Dank :-):-):-)

    • alex alex

      Ik heb het gesnapt ist prima Niederländisch, Susanne. Du kannst auch sagen: Nu snap ik het.

      Snappen bedeutet das gleiche wie begrijpen. Es ist nur umgangssprachlich.

  9. Mike Mike

    Als deutscher Muttersprachler und blutiger Angänger im Niederländisch lernen (und Physiker mit Hang zu klarer, logischer Sprechweise) sehe ich hier einen deutlichen Vorteil des Niederländischen zu meiner Muttersprache. Wie häufig verwende ich im Deutschen die Floskel „das habe ich nicht verstanden“, mit nachgeschobenem, fast entschuldigendem „ – also akkustisch nicht“. Ich plädiere hiermit für die Einführung des Niederlandizismus „verstaan“ ins Deutsche mit der Bedeutung „akkustisch verstehen“!

    • Jede Sprache hat Unterscheidungen, die manche anderen nicht haben. Erkläre den Unterschied zwischen „mindestens“, „wenigstens“, und „zumindest“. :-)

  10. Kirsten Elsner Kirsten Elsner

    Ein sehr wichtiger Beitrag zum besseren Verständnis der niederländischen Sprache und das Video ist leicht verständlich gestaltet. Im Deutschen stellt man seinem Gesprächspartner auch oft die Frage: Weißt du,was ich meine? Das ist eine Art Lückenfüller in Gesprächen;könnte man aber auch als (Mit)Übersetzung für Begrijp je? nehmen.

    • Ja, das stimmt. Danke für deine Ergänzung Kirsten.

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