Wessen Taschen?

01-05-2010

in Grammatik und Aussprache

Niederländische Wortgeschlechter

Ebenso wie im Deutschen gibt es in der niederländische Sprache bei den Substantiven drei Wortgeschlechter: männlich, weiblich und sächlich. Während das Deutsche mit die und der unterschiedliche bestimmte Artikel für weibliche und männliche Wörter hat, begnügt man sich in den Niederlanden mit einem bestimmten Artikel, der für beide Geschlechter herhalten muss: de. Sächliche Wörter bekommen het:

de vrouw, de man, het meisje
die Frau, der Mann, das Mädchen

een meisje - ein Mädchen

een meisje

Die Form der niederländischen Artikel verändert sich nicht: Egal ob ich die Frau oder den Mann in den Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ oder sogar in die Mehrzahl versetze: es bleibt immer de oder het. (auch het-Wörter bekommen in der Mehrzahl allerdings de). Das gilt auch für den unbestimmten Artikel, der im Niederländischen immer een lautet. Der Genitiv – und oft auch der Dativ – werden im Niederländischen in den allermeisten Fällen mit Hilfe von Präpositionen gebildet:

de prinses op de erwt
die Prinzessin auf der Erbse

Ik geef de loodgieter en de leden van het kamerorkest een kopje koffie .
Ich gebe dem Klempner und den Mitgliedern des Kammerorchesters eine Tasse Kaffee.

Sonderfall Genitiv

Bei Eigennamen und Verwandtschaftnamen findet man noch das Genitiv-S so wie es auch im Deutschen verwendet wird:

Jans fiets (Jans Fahrrad)
oma’s tuin (Oma’s Garten – Mit Apostroph-S weil “Oma” auf einen Vokal endet)

Auch findet man das Genitiv-S noch in den beiden Ortsnamen ‘s-Hertogenbosch (des herzogen bosch) und ‘s-Gravenhage (des graven hage). Allerdings sind hier die Varianten Den Bosch und Den Haag viel weiter verbreitet.

Zum Schluss gibt es noch einige feststehende Ausdrücke, in denen man Überbleibsel der niederländischen Genitivform findet:

het Koninkrijk der Nederlanden
het einde der tijden
ledigheid is des duivels oorkussen (Müßiggang ist aller Laster Anfang)

Zweitrangiges grammatikalisches Geschlecht

In den Niederlanden spielt das grammatikalische Geschlecht nicht so eine wichtige Rolle wie das im Deutschen zwangsläufig der Fall ist. Dies mag daran liegen dass – wie oben schon erwähnt – männliche und weibliche Wörter den gleichen bestimmten Artikel bekommen.

Selbstverständlich ordnen auch Niederländer Lebewesen mit eindeutigem Geschlecht wie jongen (Junge), kater (Kater) oder moeder (Mutter) auch grammatikalisch richtig ein. Bei vielen Substantiven ist es jedoch gar nicht so offensichtlich, ob sie männlich oder weiblich sind. So sind im Niederländischen sowohl zon (Sonne) als auch maan (Mond) offiziell weiblich – in der gesprochenen Sprache werden sie jedoch häufig als männlich betitelt.

Um das grammatikalische Geschlecht muss man sich jedoch eigentlich nur Gedanken machen, wenn man auf ein Wort zurückverweisen möchte: De zon liet ‘s middags haar (zijn) gezicht zien – Am Nachmittag zeigte sich die Sonne. Ansonsten ist es kaum von Bedeutung.

Grammatikalisches vs. logisches Geschlecht

Im Niederländischen wirft zudem das (bio-)logische Geschlecht oft mehr Gewicht in die Schale als das grammatikalische. Das Mädchen steckte die Hände in seine Taschen – während sich Deutsche nichts dabei denken, klingt dieser Satz in niederländischen Ohren reichlich befremdlich. Unwillkürlich zeichnet er nämlich ein inneres Bild, auf dem das Mädchen die Hände nicht in die eigenen, sondern in die Taschen einer nicht näher genannten männlichen Person steckt.

ein Mädchen mit den Händen in den Taschen

Natürlich sind auch niederländische meisjes grammatikalisch betrachtet sächlich. Und wenn man mit Hilfe eines Relativpronomens auf sie verweist, benutzt man gemeinhin auch die sächliche Form:

Het meisje dat de loterij heeft gewonnen heet Greta.
Das Mächen, das die Lotterie gewonnen hat, heißt Greta.

Besitzergreifend

Trotzdem ist diese grammatikalisch korrekte Form beim Possesivpronomen (dem besitzanzeigenden Fürwort) höchst unüblich. Hier weicht man auf die biologisch passende weibliche Form aus:

het meisje stopte haar handen in haar zakken.

Und auch beim Personalpronomen benutzt man in diesem Fall die weibliche Form: Het meisje stopte haar handen in haar zakken. Dat deed ze altijd – Das tat es immer. Es ist im Deutschen grammatikalisch korrekt. Allerdings sagen auch Deutsche nach meiner Erfahrung in diesem Fall häufig sie: Das tat sie immer.

Wenn ich selbst Deutsch rede bin ich fein raus. Konstrukte wie diese, die mir sprachlich gegen den Strich gehen, kann ich einfach vermeiden indem ich auf das Possessivpronomen verzichte: Das Mächen steckte die Hände in die Taschen. Kein Raum für Missverständnisse und mein Sprachgefühl wird nicht strapaziert.

Umgekehrt haben es Deutsche, die Niederländisch lernen, nicht so leicht. Um das Possessivpronomen führt in diesem Fall kein Weg vorbei. Es wie im Deutschen einfach durch den Artikel zu ersetzen ist keine Lösung. Het meisje stopte de handen in de zakken klingt im Niederländischen gestelzt.

Auf einen Blick

  • Das Niederländische hat zwei bestimmte Artikel: de und het.
    De wird sowohl in Kombination mit männlichen als auch mit weiblichen Substantiven benutzt.
    Sächliche Substantive bekommen het vorangestellt.
  • Der unbestimmte Artikel für alle Wortgeschlechter ist een
  • Die Mehrzahlform für alle Geschlechter ist immer de.

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Priscila Andrade May 3, 2010 at 11:44

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Henk June 7, 2010 at 15:41

“Es wie im Deutschen einfach durch den Artikel zu ersetzen ist keine Lösung. Het meisje stopte de handen in de zakken klingt im Niederländischen gestelzt. ”

Eine kleine Ergänzung: es kommt auch auf die Region drauf an in wiefern der Artikel in solchen Fällen akzeptiert wird. In der in den nördlichen Provinzen gesprochenen Varianten des Niederländischen und ihren Regionalsprachen Friesisch und Niedersächsisch ist der Artikel hier wenigstens so üblich wie das Besitzpronomen.

Ich freue mich übrigens besonders über diese sehr interessante Website.

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alex June 7, 2010 at 16:04

Vielen Dank für Deine Ergänzung, Henk. Ich bin zwar selbst halb Friesisch, aber spreche die Sprache leider nicht… Aufgewachsen bin ich in Belgien und in der Region Nijmegen. Später bin ich in den niederländischen Westen gezogen. In keiner dieser Gegenden war ein Satz wie “Het meisje stopte de handen in de zakken ” üblich.

Deine Website Skriuwsels fan Henk gefällt mir übrigens auch super. Werde bestimmt öfters mal vorbeischauen.

Reply

Ongast October 30, 2010 at 15:55

Du schreibst:
‘Egal ob ich die Frau oder den Mann in den Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ oder sogar in die Mehrzahl versetze: es bleibt immer de oder het.’
Das stimmt natürlich nicht ganz. ‘Het’ wird ja in der Mehrzahl ‘de’.

Und den Satz ‘Het meisje dat de loterij heeft gewonnen heet Greta’ kann man zwar immer noch hören, aber ‘die’ wird in der Alltagssprache immer üblicher – sogar wenn es sich auf Substantive bezieht, die gar keine Lebewesen, sondern Gegenstände bezeichnen.

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alex October 30, 2010 at 16:07

‘Het’ wird ja in der Mehrzahl ‘de’.

Du hast du natürlich völlig recht, da habe ich tatsächlich geschlampt. Ik habe den Text inzwischen um einen entsprechenden Hinweis ergänzt.

het meisje heet Greta / de mooie ogen van het meisje / ik dans met het meisje / ik zie het meisje niet meer

aber:
de meisjes zijn verdwenen / ik ga met de de meisjes naar het feest.

‘die’ wird in der Alltagssprache immer üblicher – sogar wenn es sich auf Substantive bezieht, die gar keine Lebewesen, sondern Gegenstände bezeichnen.

Das stelle ich tatsächlich auch fest …

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Trijntje May 21, 2011 at 09:55

Ik heb vroeger nog geleerd wanneer je ‘wiens’ of juist ‘wier’ moest schrijven in zinnen als:
De vrouw wier kat was weggelopen.
De man wiens hond was weggelopen.

Als ik me goed herinner is het dan in het meervoud altijd wier.
Dus ook:
De mannen wier katten zijn weggelopen.

Ik heb dat altijd vreemd gevonden, en ben er niet meer helemaal zeker van.

In de praktijk is het zeker verstandiger beide vormen te vermijden, en ‘van wie’ te gebruiken.

De vrouw, van wie de kat is weggelopen.

Reply

alex May 21, 2011 at 11:16

Hi Trijntje, genauso habe ich das auch gelernt. Wier (weiblich und Mehrzahl) und wiens (männlich) gehören heutzutage jedoch zum formellen (schriftlichen) Sprachgebrauch und werden in der Praxis eigentlich immer durch eine Konstruktion mit “van wie” ersetzt:

De vrouw/de man/de mensen van wie de kat is weggelopen

Reply

Boom July 13, 2011 at 21:44

Ich mag den Artikel, der ist sehr aufschlussreich.

Allerdings beginne ich daran zu zweifeln, ob das wirklich so richtig war, dass man uns von Anfang an nur beigebracht hat, ob ein Substantiv ein sogenanntes de-Wort (oder eben ein het-Wort) ist, nicht aber, ob es maskulin oder feminin ist. Ich hätte jetzt zum Beispiel gar nicht gewusst, dass man bei zon haar sagen muss, weil das Wort feminin ist.
Zum Glück braucht man bei nichtmenschlichen Substantiven selten Possessivpronomina :D

Reply

Bouke September 14, 2011 at 11:29

Das problem haben aber alle Niederländer auch, also was das angeht bist du nicht der einzige… Ich (Niederländer und Holländer) frage mich auch immer was ich denn nehmen sollte, weil bei gegenstände einfach nicht eindeutig zu sagen ist obs denn jetzt männlich oder weiblich ist. Es gibt leute die einfach zwangsmäßig alles weiblich machen (also, aus grunde der emanzipation, aber eigentlich ist es ja das gegenteil davon…).
Vorteil ist, man kann es fast nicht falsch machen, nachteil ist, man weiß nicht ob es 100% korrekt ist – es gibt ja immer wieder leute die über die pingeligste dinge meckern. Meine vorletzte zwei schwiegermütter zum beispiel waren Niederländisch lehrerinnen ;)

Reply

alex July 13, 2011 at 23:09

Hoi Boom,
ob ein Substantiv nun männlich oder weiblich ist spielt im Niederländischen nur bedingt eine Rolle. So werden viele Leute zu “de zon” “zijn” sagen und nicht “haar”. In diesem Fall ist auch sogar Beides erlaubt.

Reply

Bouke September 14, 2011 at 11:34

Übrigens bin ich sehr stur was diese grammatikalische korrektheid angeht. Auch wenn ich weiß, dass es eigentlich nicht ‘korrekt’ ist, nutze ich einfach die biologische form, weil die logischer ist. Es ist meiner sicht wirklich schwachsinn zu behaupten das ‘es’ richtig ist wenn es auf ein Mädchen bezieht . Das Mädchen ist eindeutig weiblich, egal ob es jetzt grammatikalisch nach den Regeln vielleicht weniger sinn macht. Also, ich bemühe mich so viel wie möglich mein Deutsch so korrekt wie möglich zu nutzen, aber manche dinge weigere ich einfach zu tun. Ein beispiel ist auch das großschreiben der substantive; das ist extra arbeit und dient auch kein richtiger zweck, also tuhe ich das nur in offizielle berichte.

Reply

alex September 14, 2011 at 13:53

Beim Personalpronomen (persoonlijk voornaamwoord) tue ich mich im Deutschen auch schwer, ein Mädchen oder anderes weibliches Wesen mit ihm oder es zu bezeichnen. Gleiches gilt für das Possessivpronomen (bezittelijk voornaamwoord). Interessanterweise habe ich beim Relativpronomen hingegen keinerlei Schwierigkeiten, das grammatikalische Genus zu nutzen:

das Mädchen, das ich liebe

Die weibliche Form “die” verträgt sich hier nicht mit meinem Sprachgefühl.

Das ist im Niederländischen übrigens ganz ähnlich. Da heißt es korrekterweise het meisje dat und nicht het meisje die. Hier siegt also das grammatikalische über das (bio-)logische Geschlecht. Ich nehme an, Du sagst in diesem Fall auch “das”? ;-)

Zu genau diesem Thema gibt es übrigens einen interessanten Kommentarthread zum Post Geschlechterwahlfreiheit.

Reply

Bouke September 17, 2011 at 21:32

Ja, das stimmt. “die” würde sich für mich auch komisch anhören. Zum glück muss man aber im Niederländischen nicht so konsequent sein wie in Deutsch :)
Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass die “dassen” sehr na an einander sind?

Reply

alex September 18, 2011 at 13:08

Das Relativpronomen steht meist unmittelbar hinter dem Wort, auf das es sich bezieht. Ich vermute, dass wir hier nicht das logische Geschlecht benutzen, weil es unser grammatikalisches “Kongruenzgefühl” verletzt.

Bei den anderen Pronomen ist die Entfernung zum Substantiv größer. Es steht manchmal sogar in einem eigenen Satz. (Toen het meisje ziek was gingen haar vriendinnen bij haar op bezoek. )

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