Niederländische Wortgeschlechter
Ebenso wie im Deutschen gibt es in der niederländische Sprache bei den Substantiven drei Wortgeschlechter: männlich, weiblich und sächlich. Während das Deutsche mit die und der unterschiedliche bestimmte Artikel für weibliche und männliche Wörter hat, begnügt man sich in den Niederlanden mit einem bestimmten Artikel, der für beide Geschlechter herhalten muss: de. Sächliche Wörter bekommen het:
de vrouw, de man, het meisje
die Frau, der Mann, das Mädchen

een meisje
Die Form der niederländischen Artikel verändert sich nicht: Egal ob ich die Frau oder den Mann in den Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ oder sogar in die Mehrzahl versetze: es bleibt immer de oder het. Das gilt auch für den unbestimmten Artikel, der im Niederländischen immer een lautet. Der Genitiv – und oft auch der Dativ – werden im Niederländischen in den allermeisten Fällen mit Hilfe von Präpositionen gebildet:
de prinses op de erwt
die Prinzessin auf der Erbse
Ik geef de loodgieter en de leden van het kamerorkest een kopje koffie .
Ich gebe dem Klempner und den Mitgliedern des Kammerorchesters eine Tasse Kaffee.
Sonderfall Genitiv
Bei Eigennamen und Verwandtschaftnamen findet man noch das Genitiv-S so wie es auch im Deutschen verwendet wird:
Jans fiets (Jans Fahrrad)
oma’s tuin (Oma’s Garten – Mit Apostroph-S weil “Oma” auf einen Vokal endet)
Auch findet man das Genitiv-S noch in den beiden Ortsnamen ‘s-Hertogenbosch (des herzogen bosch) und ‘s-Gravenhage (des graven hage). Allerdings sind hier die Varianten Den Bosch und Den Haag viel weiter verbreitet.
Zum Schluss gibt es noch einige feststehende Ausdrücke, in denen man Überbleibsel der niederländischen Genitivform findet:
het Koninkrijk der Nederlanden
het einde der tijden
ledigheid is des duivels oorkussen (Müßiggang ist aller Laster Anfang)
Zweitrangiges grammatikalisches Geschlecht
In den Niederlanden spielt das grammatikalische Geschlecht nicht so eine wichtige Rolle wie das im Deutschen zwangsläufig der Fall ist. Dies mag daran liegen dass – wie oben schon erwähnt – männliche und weibliche Wörter den gleichen bestimmten Artikel bekommen.
Selbstverständlich ordnen auch Niederländer Lebewesen mit eindeutigem Geschlecht wie jongen (Junge), kater (Kater) oder moeder (Mutter) auch grammatikalisch richtig ein. Bei vielen Substantiven ist es jedoch gar nicht so offensichtlich, ob sie männlich oder weiblich sind. So sind im Niederländischen sowohl zon (Sonne) als auch maan (Mond) offiziell weiblich – in der gesprochenen Sprache werden sie jedoch häufig als männlich betitelt.
Um das grammatikalische Geschlecht muss man sich jedoch eigentlich nur Gedanken machen, wenn man auf ein Wort zurückverweisen möchte: De zon liet ‘s middags haar (zijn) gezicht zien – Am Nachmittag zeigte sich die Sonne. Ansonsten ist es kaum von Bedeutung.
Grammatikalisches vs. logisches Geschlecht
Im Niederländischen wirft zudem das (bio-)logische Geschlecht oft mehr Gewicht in die Schale als das grammatikalische. Das Mädchen steckte die Hände in seine Taschen – während sich Deutsche nichts dabei denken, klingt dieser Satz in niederländischen Ohren reichlich befremdlich. Unwillkürlich zeichnet er nämlich ein inneres Bild, auf dem das Mädchen die Hände nicht in die eigenen, sondern in die Taschen einer nicht näher genannten männlichen Person steckt.

Natürlich sind auch niederländische meisjes grammatikalisch betrachtet sächlich. Und wenn man mit Hilfe eines Relativpronomens auf sie verweist, benutzt man gemeinhin auch die sächliche Form:
Het meisje dat de loterij heeft gewonnen heet Greta.
Das Mächen, das die Lotterie gewonnen hat, heißt Greta.
Besitzergreifend
Trotzdem ist diese grammatikalisch korrekte Form beim Possesivpronomen (dem besitzanzeigenden Fürwort) höchst unüblich. Hier weicht man auf die biologisch passende weibliche Form aus:
het meisje stopte haar handen in haar zakken.
Und auch beim Personalpronomen benutzt man in diesem Fall die weibliche Form: Het meisje stopte haar handen in haar zakken. Dat deed ze altijd – Das tat es immer. Es ist im Deutschen grammatikalisch korrekt. Allerdings sagen auch Deutsche nach meiner Erfahrung in diesem Fall häufig sie: Das tat sie immer.
Wenn ich selbst Deutsch rede bin ich fein raus. Konstrukte wie diese, die mir sprachlich gegen den Strich gehen, kann ich einfach vermeiden indem ich auf das Possessivpronomen verzichte: Das Mächen steckte die Hände in die Taschen. Kein Raum für Missverständnisse und mein Sprachgefühl wird nicht strapaziert.
Umgekehrt haben es Deutsche, die Niederländisch lernen, nicht so leicht. Um das Possessivpronomen führt in diesem Fall kein Weg vorbei. Es wie im Deutschen einfach durch den Artikel zu ersetzen ist keine Lösung. Het meisje stopte de handen in de zakken klingt im Niederländischen gestelzt.
Auf einen Blick
- Das Niederländische hat zwei bestimmte Artikel: de und het.
De wird sowohl in Kombination mit männlichen als auch mit weiblichen Substantiven benutzt.
Sächliche Substantive bekommen het vorangestellt. - Der unbestimmte Artikel für alle Wortgeschlechter ist een
- Die Mehrzahlform für alle Geschlechter ist immer de.
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“Es wie im Deutschen einfach durch den Artikel zu ersetzen ist keine Lösung. Het meisje stopte de handen in de zakken klingt im Niederländischen gestelzt. ”
Eine kleine Ergänzung: es kommt auch auf die Region drauf an in wiefern der Artikel in solchen Fällen akzeptiert wird. In der in den nördlichen Provinzen gesprochenen Varianten des Niederländischen und ihren Regionalsprachen Friesisch und Niedersächsisch ist der Artikel hier wenigstens so üblich wie das Besitzpronomen.
Ich freue mich übrigens besonders über diese sehr interessante Website.
Vielen Dank für Deine Ergänzung, Henk. Ich bin zwar selbst halb Friesisch, aber spreche die Sprache leider nicht… Aufgewachsen bin ich in Belgien und in der Region Nijmegen. Später bin ich in den niederländischen Westen gezogen. In keiner dieser Gegenden war ein Satz wie “Het meisje stopte de handen in de zakken ” üblich.
Deine Website Skriuwsels fan Henk gefällt mir übrigens auch super. Werde bestimmt öfters mal vorbeischauen.
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