Der niederländische Verkleinerungsdrang

06-03-2010

in Grammatik und Aussprache,Typisch niederländisch / typisch deutsch

Niederländer benutzen gerne das Diminutiv: die Verkleinerungsform. Nicht, dass die Dinge in den Niederlanden tatsächlich immer kleiner wären (das ist ein Thema für einen künftigen Beitrag hier auf buurtaal) – häufig benutzt man die Form, um etwas als nett, angenehm oder gemütlich zu kennzeichnen.

lekker met z'n tweetjes met een kopje koffie in het zonnetje

Lekker met z’n tweetjes met een kopje koffie en een koekje in het zonnetje

So trinken die Niederländer mit Vorliebe een kopje koffie (ein Tässchen Kaffee) und verzehren dabei, während sie lekker in het zonnetje (in der Sonne) sitzen, ein koekje (ein Kekschen).

Lekker weertje

Man kann sogar bedenkenlos een koffietje oder een bakkie doen und anschließend een frietje halen. Dazu trinkt man gern een colaatje (eine Cola). Und ein beliebter Spruch um ein Gespräch zu eröffnen lautet lekker weertje hè? (ein tolles Wetterchen, oder?).

Mittagsschlaf-Fans doen een dutje oder een slaapje – Wörter, die im Deutschen ihre Entsprechung in Schläfchen oder Nickerchen finden. Und während die Eltern een ommetje maken (einen kleinen Spaziergang machen) spielen die Kinder verstoppertje (Versteck).

Understatement, Ironie

Das Diminutiv kommt auch als Euphemismus und Understatement zum Einsatz oder um Geringschätzung auszudrücken. So wird der Ausdruck een spuitje geven häufig als Synonym für einschläfern benutzt (het zieke dier een spuitje geven – das kranke Tier einschläfern). Wenn man jemanden koeltjes (von koel – kühl) empfängt, heißt man diese Person nicht gerade herzlich willkommen.

Gebildet wird die niederländische Verkleinerungsform mit Hilfe der Endungen -je, -tje, -pje, -kje und -etje. Die Form mit -je kommt am Häufigsten vor.

huis huisje Haus
lepel lepeltje Löffel
boom boompje Baum
woning woninkje (ohne “g”!) Wohnung
tekening tekeningetje Zeichnung
jongen jongetje (ohne “n”!) Junge

Tussendoortje

In ihrem Verkleinerungsdrang beschränken sich die Niederländer übigens nicht auf Substantive. Sie machen keinen Halt vor Verben, Adverbien, Adjektiven (siehe das obige Beispiel mit koeltjes), Zählwörtern (met z’n tweetjes – zu zweit) und sogar Präpositionen. Das führt zu schönen Wortschöpfungen wie tussendoortje (“Zwischendurch-chen”): ein kleiner Snack für zwischendurch oder twaalfuurtje (“Zwölf-Ührchen”): eine leichte Brotmahlzeit um die Mittagszeit.

Sehr gelungen finde ich auch mobieltje (“Mobilchen”), das sich neben mobiel als eine gängige Bezeichnung für Mobiltelefone durchgesetzt hat. Manchmal taucht in diesem Zusammenhang auch nulzesje (“Null-Sechs-chen”) auf. Das Wort verweist auf die Vorwahl 06- mit der alle niederländischen Handynummern anfangen.

Diesen Spaß am Diminutiv kenne ich in Deutschland eigentlich nur von den Schwaben, die sich in dieser Hinsicht wahrlich nicht vor den Niederländern zu verstecken brauchen. Denn auch die Häuslebauer trinken gern mal zwischendurch ein Tässle Kaffee und essen dazu ein Brötle (Keks) oder Gutsle (Keks oder Süßigkeit) ;-)

Wer noch ein schönes deutsches oder niederländisches Verkleinerungswort kennt … ich höre es gerne.

Vielleicht auch interessant:

Der Beitrag hat Dir gefallen? Mit einem Abo per RSS oder e-Mail bleibst Du informiert.

Facebook Share
1
Twittern
0
Google +1
0

{ 8 comments… read them below or add one }

Lucy van Pelt March 7, 2010 at 07:38

Nulzesje ist, glaube ich, nicht zu toppen!
Aber bei uns Schwaben habe ich persönlich den Verdacht, daß es sich um einen kollektiven Minderwertigkeitskomplex handelt, wenn alles verkleinert wird mit dem -le.
Adele! Lucy.

Reply

alex March 7, 2010 at 11:46

“Adele” ist super, Lucy, das werde ich mal in mein Vokabular aufnehmen ;-)

Reply

Ongast March 13, 2010 at 11:48

Als ich vor einem halben Leben viel Zeit in Karlsruhe verbrachte (und die Karlsruher verbitten sich als Schwaben angedeutet zu werden), hab ich mich oft über die Diminutive dort gewundert. Man trieb es nämlich streckenweise noch weiter als in meiner niederländischen Heimat, mit ‘sodele’ (für ‘so’), ‘tschüsle’ und ‘hallöchen’ (obwohl Letzteres, mit seinem ‘-chen’, sich schon halbwegs nach Standarddeutsch anhört). Nur das allgegenwärtige ‘gell’ musste ohne Diminutiv-suffix auskommen. ‘Gelldele’, das wär was gewesen!

Reply

Steff March 26, 2010 at 17:22

@ Ongast:
Da wo ich groß geworden bin – eindeutig Schwaben! – gibt es tatsächlich auch die Form “gelle”. Allerdings kenne ich es nur eher salopp und in der Frageform, also z. B. in so tiefsinnigen Sätzen wie “so isch no au wieder, gelle?” Außerdem würde man dort immer “Hallole” sagen, die “chen”-Endung gibt es schlichtweg überhaupt nicht. Das ging in einmal sogar so weit, dass eine Mitschülerin mir jemand vorstellte, der mit Nachnamen “Enderle” hieß. Und zwar als “Enderchen” – nur, weil ich neu aus Norddeutschland zugezogen war und sie meinte, es mir übersetzen zu müssen.

Ein schönes Beispiel für den niederländischen Diminuitiv ist übrigens das Lied “een beetje” von Teddy Scholten, mit dem sie 1959 den Grand Prix gewonnen hat. Hier reimt sich “deurtje” auf “interieurtje”, es gibt “rendez-vous’tjes in een klein cafeetje” und man kommt “op een ideetje”. Mein Favorit ist hier eindeutig “interieurtje”!

Reply

Trijntje April 20, 2011 at 18:07

Vandaag zag ik een quiz op de Belgische tv. Daar benoemde de presentator dat men zoveel verkleinwoorden gebruikt in het Vlaams, dat is met ‘ke’ in plaats van met ‘je’.

Reply

alex April 20, 2011 at 21:05

Voor Nederlandse oren klinkt “-ke” heel vertederend ;-)

Reply

Boom June 12, 2011 at 19:13

Der Klassiker unter den deutschen Diminutiven ist natürlich das Mädchen. Ansonsten fallen mir noch spontan die Häppchen, Würstchen und, wo ihr ja die ganze Zeit schon über die Schwaben philosophiert, die Spätzle ein. Das sind zumindest alles Worte, die man nicht von ihren Diminutivendungen trennen kann (ohne ihre Bedeutung zu verändern).

Wenn es um die niederländischen Diminutive geht (deren Sinn ich, wenn ich ehrlich bin, bis heute nicht so ganz verstanden habe, aber die natürlich unglaublich niedlich sind! :P) muss ich an ein Lied denken: “Het busje komt zo!” :D
Eine meiner ersten Begegnungen mit der niederländischen Sprache überhaupt … und so schön klischeehaft.

Reply

viviloe June 23, 2011 at 15:49

@ Boom

‘het busje komt zo’ ist NICHT NIEDLICH….

…. ich weiß ehrlich gesagt nicht wie es in Deutschland geregelt ist (obwohl ich schon 14 Jahren in Fft/DA Gegend wohne) aber in Holland werden Behinderten oft Möglichkeiten angeboten in Werkstätte zu arbeiten, wo man nicht nur ‘beschäftigt’ wird sondern wo Gehandicapten richtige (vollwertige) Arbeit verrichten können.

Um Eltern/Betreuer/.. zu entlasten werden die Gehandicapten durch -meistens- ehrenamtliche Menschen abgeholt in einem….. Minibus > bus-je…

Wenn man einem sagt ‘het busje komt zo’ dann bedeutet das soviel wie ‘was Du da machst ist blöd, Du bist nicht ganz dicht – ich lass Dich abholen…’ .

Wenn jemand so was sagt, ist das nicht böse gemeint, aber ein kleiner Hinweis, dass was man da gerade macht, nicht ganz ‘normal’ ist. Wie gesagt: ‘het busje komt zo’ ist NICHT NIEDLICH…

viviloe

Reply

Schreibe einen Kommentar

Leave a Comment

Previous post:

Next post: